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Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums · 1861-01-01 · Heft 1 · page 222

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Journal
Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
Volume
1861
Issue
Heft 1
Date
1861-01-01
Page
– (sequence 222)
Language
German
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204 Talmuds. Dennoch erwecken diese Studien den Scharfsinn ungemein, und schärfen ihn zu einem hohen Grade. Denn für die spitzfindigsten und detaiüirtesten Fragen, welche unzählig in diesen weitläufigen Schriften aufgeworfen werden, ohne daß ihnen eine wirkliche Entscheidung zugegeben ist, müssen die Knaben fast allein Aufschluß und Lösung finden. Dieselbe Geistesfähigkeit entwickelte sich auch in dem Knaben Spinoza ungewöhnlich früh, so daß er schon in einem Alter von 15 Jahren durch Fragen seine Lehrer in Erstaunen und nicht weniger oft in Verlegenheit, der Antwort halber, setzte*). Bei dieser Entwickelung, welche uns in diesen Verhältnissen bei der zukünftigen Größe Spinoza's nicht verwundern darf, durchschaute er auf nicht gemeine Weise bald, daß der Talmud, die wichtigsten Fragen des Menschengeschlechtes, wie fie aus dem Texte der heil. Schrift hervorgehen, in sehr verschiedener Weise von diesen beantwortet, und durch außerordentliche Verästelung vermittelst einer unbegrenzten Kasuistik und sehr mannichfaltigen Auslegungsformeln vom eigentlichen Mittelpunkte abführt. Indem also die Forderungen, welche in der natürlichen Freiheit des menschlichen Geistes beruhen, im Gemüthe *) Eine Anekdote, welche Bonllainvilliers erzählt, und die frühzeitig entwickelte Anlage dieses Knaben sehr deutlich zeigt, will ich hier nicht unterdrücken. Sejn Vater gab ihm, dem Knaben von 10 Jahren, den Auftrag, eine Summe Geldes von einer alten Frau zu holen. Als er zu ihr eingetreten, ließ sie ihn eine Zeit lang warten, bis sie ihr Gebet verrichtet hatte, darauf zählte sie ihm das Geld hin und sagte: ,,hier ist das Geld, welches ich deinem Vater schuldig bin; mögest du eines Tages ein eben so rechtlicher Mann werden, wie er; er hat sich niemals vom Gesetze Moses entfernt, und der Himmel wird dich segnen, je mehr du ihn nachahmst!' Mit diesen Worten nahm sie das Geld nnd wollte es dem Knaben in die Tasche stecken. Dieser aber ließ es sich nicht nehmen, es nachzuzählen, obgleich sie es verhindern wollte, und es sich selbst in die Tasche zu stecken, und siehe da — es fehlten zwei Dukaten, welche die fromme Frau in eine geheime Schublade hatte fallen lassen.

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