Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 219)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Gesetz beachten, selbst wenn er fich unbewacht von Seite der Behörde weiß; in anderen Staaten hingegen ist die Achtung vor dem Gesetze eine bei weitem lockerere. Jeder hält sich berechtigt die Gesetze zu kritisiren und nach eigenem Gutdünken zu handeln. Die Judenversolgungen zu allen Zeiten, sowie Verfolgungen überhaupt geben Zeugniß, daß sie nur gegen den stattgefunden, den man für schutzlos hielt, der außerhalb des Gesetzes stand, oder -zu dessen Gunsten die Gesetze nicht in Anwendung gebracht wurden. Wie Kinder ihr Gespötte und ihren Muthwillen gegen Personen treiben, die ein Gebrechen haben, bei welchen sie keine Gegenwehr voraussetzen; so treibt auch das Volk feinen Muthwillen mit denjenigen, die es gleichsam als geächtet betrachtet. Ein Simson, wenn er geblendet ist, muß durch Späße den „süßen Pöbel" erheitern. Das Gefühl des Mitleides beim Anblicke der Schwäche, das Gefühl der Theilnahme vor einer gefallenen Größe, besitzen nur die Bessern, deren Zahl nicht groß ist. Der Menge gilt „der lebende Hund mehr als der todte Löwe." Der Elaubensfanatismus, welcher bei den Judenverfolgungen mitspielte, in Verbindung mit der Rechtlosigkeit der Juden haben jene Monstruositäten erzeugt, über welche Liebe, Gerechtigkeit und Menschlichkeit trauern, und welche die Geschichte der Menschheit beflecken. Daß wir für diese „schreckliche Zeit" nicht die deutschen Kaiser verantwortlich machen wollen, ergibt sich von selbst. Es ist bekannt, daß die Kaiser selbst ohnmächtig und öfters von ihren Vasallen abhängig waren. Deutschland war zu jener Zeit blos ein geographischer Begriff. Was wir aber hervorheben müssen, ist: daß Ferdinand II. die Rechte der Juden, so weit sie, wenn auch blos der Form nach, bestanden, nicht verkümmert hat. Er konfirmirte die bestehenden Rechte und Gesetze, und ging in mancher Beziehung weiter, als seine Vorgänger, in-