Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums · 1860-01-01 · Heft 1 · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
Volume
1860
Issue
Heft 1
Date
1860-01-01
Page
Seite 62 (sequence 66)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3138070-3138071-3138072--0068-3138158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

62 fuhr der Doktor fort, praktizirte ich in derselben Gubernialstadt, wo ihre Schwester gestorben war, und wo sie noch lebte. Da , kam es bisweilen vor, daß ich aus Spaziergängen der Unglücklichen im Kreise ihrer verächtlichen Freundinnen begegnete, welche sie nicht bloß durch blendende Schönheit, sondern auch durch ausgelassenes Wesen übertraf. Keine-Spur von Ehrbarkeit war an ihr wahrzunehmen. Ihr stürmischer Charakter führteste oft aufs Polizeiamt durchUnbescheidenheit gegen jedermann und so erlangte sie eine bedauerliche Bekanntheit, die ganze Stadt kannte sie unter dem Namen: „die Gutsbesitzerin". Bis jetzt führt sie dieses Leben. Und in jener Zeit, da alles das sich zutrug, starb ihr unglücklicher Bater langsam hin in Gram und trauriger Einsamkeit. Ich wechselte einige Briese mit ihm. Er ließ weder mir noch seinem alten Freunde Ruhe, stets nach seiner Tochter fragend, von welcher er so viele Jahre keine Kunde erhielt. Natürlich verbargen wir ihm die Wahrheit. Manchmal schrieb man ihm, sie sei krank, oder sei zu einer Hochzeit einer Freundin nach einem andern Ort gereist, wo sie zu Gast geblieben sei, oder sonst eine Lüge, und einmal ließen wir sein Schreiben ein halbes Jahr ohne Antwort, zuletzt schrieben wir, da alle Vorwände oder Ausreden erschöpft waren, gar nicht mehr. Aber als er in der letzten Zeit an einen alten Freund einen verzweifelten Brief schrieb^ in welchem er sagte, er werde um Urlaub nachsuchen, und wenn er ihn nicht erhielte, sogar desertiren und selbst nachher Spießruthen laufen, wenn er nur sein liebes Kind einmal an's Herz drücken könnte, hielt es der Freund für nöthig, ihm die Wahrheit zu enthüllen. Der Alte hielt diesen letzten Schlag nicht aus und legte sich aufs Krankenlager. Seine Krankheit ward immer schlimmer und nahm einen gefährlichen Charakter an. In dieser Zeit waren die Poimaniki bereits seine Hausdiener. Sie kannten meine Adresse, hörten von ihm, in welchen Beziehungen ich einst zu ihm stand, und Einer derselben setzte mich von seinem gefahrvollen Zustande

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.