Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3138070-3138071-3138072--0052-3138142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 einen gewissen Mendelssohn, mit welchem er ihn habe zusammen vernehmen wollen, um die ganze Wahrheit aufzudecken, versteckt habe. Nachdem er mit dem Lehrer fertig war, begab sich der Landrichter zu den Eltern, welche sich erkühnten, die Erziehung ihrer Kinder einem staatsgefährlichen Menschen anzuvertrauen, und nahm von ihnen, versteht sich, gute Sporteln. Die Unwissenheit siegte , die brave Gesinnung saß im Kerker oder zahlte Geld. . Viele Geschichten von schreienden Ungerechtigkeiten hörte ich damals von ihm. Aber größtentheils drehete sich die Rede des Strafnoi um sein eignes Unglück, und namentlich um die kleine Tochter, welche ihr Waisenleben in ferner Gegend hinschleppte. Es schien, daß das ganze Leben des Greises, alle seine Gedanken ihren Mittelpunkt hatten in diesem Kinde, das schon frühzeitig die Waudelbarkeit des Schicksals erfahren hatte. Ach! sprach er einst zu mir, noch einmal möchte ich mein Kind sehen und an mein Herz drücken! Mir ahnet, daß ich meine Gebeine hier niederlegen werde; darüber gräme ich mich nicht; ich sehne mich nach Ruhe. Aber wenn ich noch einmal mein Kind sehen könnte, wenn ich wüßte, daß dessen Geschick geordnet wäre, so würde ich mit Seelenruhe ins Grab steigern Was schreibt man euch von dort? fragte ich. Ihr könntet sie vielleicht hier zu euch nehmen und für ihre Zukunft Sorge tragen. Ich habe schon daran gedacht, antwortete er. Aber es ist aus vielen Gründen nicht thunlich. Nehmet nur an, wie weit! Sie von dort hierbei kommen lassen, wo ich keine Bekannten habe, und wahrscheinlich keine haben werde! Was kann ich ihr hier gewähren? Wer wird sich mit mir, wenn die Zeit kommt, sie zu verheirathen, verschwägern wollen, mit dem Soldaten? Hier weiß niemand, was ich früher war .... Was würde das auch nützen, da sich wohl gar Leute finden, welche glauben, ich sei ein verächtlicher Mensch, welcher irgend ein Verbrechen zu büßen habe, während zu Hause, alle oder die meisten mich lange kennen und die Geschichte meines Un-