Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Was läßt sich auch sagen? fuhr der Alte lebhaft fort. Ein Jahrmarkt, ein Leichnam, ein Deserteur, irgend eine neue Anordnung in Synagogen oder Privatschulen, — alles das wird ein Gegenstand der Abgaben, alles wird eine gute Quelle von Einkünften für gewisse Leute. Der Schluß ist stets derselbe; man errichtet eine Casse, man fertigt Erwählte mit Opfergaben ab, und der bittere Glockenmann*) zieht daher für jeden neuen Fall. Doch daran sind wir gewöhnt. Ihr wisst, wie der Ebräer sichleicht in sein Schicksal findet. Eine warme Stube, Zwiebeln, ein Schnitt Brod und ein Bissen Fisch oder Fleisch zum Schabbes, das genügt ihm. Da er weiß, daß Verfolgung schon von der Wiege auf sein Antheil und daß es so von oben herab bestimmt ist, so singt er seine Semiroth (Tischgesänge) und wischt mit der Hand eine zufällige Thräne ab. in der Hoffnung auf bessere Zukunft. Er hielt inne und wir saßen einige Minuten in tiefem Schweigen. Allein auf unsere Gemeinde drückte ein Unglück, aus welchem wir uns niemals Herauswinden konnten, begann der Soldat wieder — und zwar nicht blos auf unsere Ortsgemeinde, sondern überall, soweit wir davon Kunde haben- — nämlich: die Rückstände für Rekrutenschulden. Ungeheure Summen zahlten wir beständig an die Gubernialstadt, wir mietheten Männer aus andern Städten, wir strengten uns im höchsten Grade an, und immer blieben wir in Schulden. Da ich einiger Achtung in der Stadt genoß und als uneigennützig in Ruf stand, so wurde ich zugleich mit Andern als Kahalsmann (Vorsteher) erwählt und übte dies Amt über zehn Jahre aus. Wißt ihr, was das heißt, Kahalsmann sein? Es heißt entweder ein Räuber oder ein Märtyrer *) Der Beamte, welcher seinen Bezirk bereist, fahrt umher mit einer Glocke an der Deichsel, welche den Bewohnern ankündigt, was ihnen bevorsteht. D. Uebers.