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Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums · 1860-01-01 · Heft 1 · p. Seite 23

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Journal
Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
Volume
1860
Issue
Heft 1
Date
1860-01-01
Page
Seite 23 (sequence 27)
Language
German
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23 Wir setzten uns einander gegenüber. Er stützte sich mit beiden Händen aus den Tisch und begann mit unterdrückter leiser Stimme seine Erzählung: Die Stadt, in welcher ich wohnte, in der ich aufwuchs und alt wurde, wird säst nur von Ebräern bewohnt und steht nicht weit von der Grenze. Unsre Gemeinde gilt für eine große. Ich gehörte zwar nicht zu den Reichen, hatte aber mein gutes Auskommen; Handel treibend, wie die Mehrzahl meiner Bruder, gelang es mir, durch Fleiß und Sparsamkeit mir eine sorgenlose Lage zu verschaffen. Ich lebte glücklich mit meiner Familie, meiner Frau nebst zwei Töchtern. Söhne hatte Gott mir nicht gegeben, worüber ich lange mich grämte, während ich jetzt sehe, daß es zu meinem Besten diente. In freier Muße, deren ich genug hatte, — denn mein Geschäft erforderte nicht anhaltende Anstrengung, ich kaufte Wolle auf und verkaufte sie den über die Grenze kommenden Handelsleuten — in meiner freien Muße las ich gern und beschäftigte mich mit den mir zugänglichen Wissenschaften, aus eigenem Triebe zu ihnen hingezogen, der noch besonders durch meinen seligen Vater in mir gepflegt worden. Ihr wisst, daß wir alle nur für Kupfergeld*) lernen, weil unsere Bestimmung — Handel ist, mit Ausnahme derer, welche eigens sich einer gelehrten Laufbahn widmen und ernstlicher und systematisch studiren; die eigentlich handeltreibende Gesellschaft setzt den Unterricht auf eine niedere Stufe. So ist es größtentheils in den westlichen Provinzen üblich. Es ist so gekommen, daß keiner unter uns tüchtig gebildete Leute sucht, es wäre das Luxus; wir sind mit Arbeit überladen, wir müssen uns ernähren, und der Unterhalt wird nicht leicht erworben, weil wir, wie ihr wisst, von dem großen Vaterlande ausgeschlossen und in unsern Hantirungen beschränkt sind. Daher *) D. h. nur das Unentbehrlichste, das man für geringe Opfer erlangen kann. D. Uebers.

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