Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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13 und, wie schon gesagt, saß auf eine Hand gestützt. Bisweilen lag vor ihm auf dem Fensterbrett ein aufgeschlagenes Buch, auf welches er die Augen heftete, aber aus dem krampfhaften Muskelspiel seines Gesichts und aus dem östern Reiben der Stirn mit der Hand konnte man errathen, daß seine Gedanken weit von der aufgeschlagenen Seite wegschweiften. Das niedere und dunkle Zimmer hatte ein eben so trauriges Gepräge wie dessen Bewohner; Niemanden aüßer ihm erblickte ich je darin; es war deutlich, daß er nur ein zeitweiliger Miether war, und als ein Unglücklicher hier einsam wohnte. Selten geschah es, daß er zu mir aufblickte, wenn ich plötzlich um die Ecke bog, dem Fenster nahe kam und mit meinen Schritten feine düstern Betrachtungen störte. Doch wenn er die Augen aufschlug, so war es nur ein Moment, um schnell sie wieder auf das Buch zu heften, oder sie ohne Zweck nach dem menschenleeren düstern Gäßchen zu wenden. Er schien nicht die mindeste Aufmerksamkeit auf mich zu richten, und das konnte nur daher rühren, daß er mit einem seinem gedrückten Herzen näher liegenden Gegenstände beschäftigt war. In jener Zeit sah man unter den Ebräern seltener als jetzt Männer ohne Bart, und zwar nur unter Reichen und Gebildeten; unser Mann sah aber weder reich noch gebildet aus; ersteres bewies sein Kleid und seine Wohnung; war er vielleicht ein Gelehrter, ein Dichter, ein Schriftsteller, ein Mathematiker? Aber woher dieser Leidensanblick, diese tödtliche Schlaffheit, unter welcher sich augenscheinlich eine schreckliche Erfahrung barg? Ich quälte mich mit Vermuthungen. Damals kam mir nicht in den Sinn, daß außer Reichthum und Gelehrsamkeit ein abgenommener Bart bei uns noch einen dritten Umstand bezeichnete, der minder glücklich, wenn auch nicht minder achtbar erschien. Wie hätte ich daran denken sollen, als ich so sorgenstei und voll jugendlicher Lebenslust war? Richt lange beschäftigte mich jedoch der Gedanke an die Angelegenheiten des Unbekannten aus meinem Spaziergange; neue Gegen-