Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1860
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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12 herrschenden Wohlstand und durch lautes Selbstlob, welches dreist auftreten konnte bei dem düstern Schweigen und der Unmöglichkeit eines Austausches der Gedanken, so wie der Seltenheit und Schwierigkeit einer gegenseitigen Mittheilung, die in allen unsern Landstädten herrschte?) Fast jeden Morgen ging ich spazieren am Ufer des schönen schiffbaren Flusses, um mich zu ergötzen an den ankommenden Barken und Flößen, die eigenthümliche Mundart der weißrussischen* **)^) Arbeiter zu hören und der wetteifernden Thätigkeit russischer Bauern zuzusehen, welche unter dem Ton ihrer schönen, klagenden Gesangsweisen Bauholz zuschnitten oder dicke Stämme zu Brettern oder zu Halbscheitern sägten. — So oft ich des Morgens aus meiner Wohnung trat, mußte ich an dem Winkel der Straße in eine finstere und enge Nebengasse einlenken, und stets bemerkte ich am offenen niedrigen Fenster des Eckhauses einen Mann, der sinnend und traurig dasaß. Nicht einmal ging ich in der Morgenstunde aus, ohne denselben Mann an demselben Orte zu erblicken, wie er eine Hand an's Fenster lehnte und in tiesem Nachdenken versunken war. Mich reizte eine starke Neugier und ich wurde aufmerksamere Jedes Mal ging ich näher an das Eckhaus und mäßigte meine Schritte, um desto besser den sinnenden Unbekannten und seine traurige Wohnung zu sehen. Er war etwa 50 Jahre alt; nach seiner Gesichtsbildung und an seinem sammetnen schwarzen Käppchen erkannte ich den Volksverwandten, obgleich seine Locken abgeschnitten und sein Bart rasirt war bis auf einen großen und dichten, schwarzen, mit grau gemischten Schnurrbart. In seinem Blick war etwas Düsteres; tiefer Gram und schweres Leiden hatten ihre Spuren in sein hageres Gesicht eingedrückt. Er war immer gekleidet in einen alten Schlaftock *) Wir glauben nicht zu irren, wenn wir in diesem gedrängten Satz fremden Einfluß wahrnehmen, so daß zwischen den Zeilen gelesen werden muß. D. Uebers. **) D. h. lithauischen.