Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 176)
- Language
- German
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162 Lehrern und Führern ein Idealbild zu zeichnen. Es galt, der damals noch schwer zu erringenden Emanzipation und vollen bürgerlichen Gleichstellung der „Israeliten“ durch Veröffentlichung der „israelitischen Geschichte“ einen Weg zu ebnen. Wenn nur die Christen die jüdische Geschichte lesen, dann erfahren sie, dass die Juden keine verabscheuungswürdige Rasse sind und öffnen ihnen die Tore der europäischen Kultur und Bildung. Dies waren die Leitmotive und die Tendenzen der jüdischen Geschichtsschreibung der Aufklärungs- und Reformepoche. Diese Historiographie kann in wenigen Worten definiert und gekennzeichnet werden: es haftet ihr ein mehr negativ-apologetischer als historisch-positiver Nationalcharakter an. Der Ausgangspunkt und das Leitmotiv der jüdischen Geschichtsschreibung hat auch in H.Graetz, „Geschichte der Juden“keineradikaleÄnderungerfahren. AuchGraetz konnte sich dem zaubervollen aufklärerischen Geschichtsschreibungszwecke nicht ganz entziehen. Auch er will, dass „die Superklugheit nicht so viel rückhaltlos wage, das israelitische Volk als eine verkommene semitische Race verächtlich zu behandeln oder die Geschichte desselben als eine „Judengeschichte“ wegwerfend zu bezeichnen, oder die Lehre dieses Volkes als die Religion einer „Horde“ von oben herab zu belächeln.“ Allein das Niederschreiben der „Geschichte der Juden“ war Graetz einem Herzensbedürfnis entsprungen, indem er auch seinem eigenen Volke, dem er „durch Geburt und Überzeugung angehört“, ein epochales Geschichtswerk von des jüdischen Volkes ferner und naher Vergangenheit schrieb. Graetz’ „Geschichte der Juden“ ist trotz gewisser Einseitigkeiten, Mängel und Lücken die jüdische Geschichte par excellence bis auf den heutigen Tag geblieben.