Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 175)
- Language
- German
- Belongs to
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161 Sprache, die für den grössten Teil der jüdischen Historiographie bis damals verwendet wurde, schien den jüdischen Aufklärungs- und Reformaposteln als zu veraltet und „rückschrittlich“, als dass sie diese für die Niederschreibung ihrer Geschichtswerke verwenden sollten. Sie schrieben ihre „jüdischen Geschichten“ in deutscher oder in anderen nichtjüdischen Sprachen, weil ja letzten Endes ihre Geschichtsschreibung mehr nach aussen als nach innen gerichtet war. Diese Erscheinung ist ein „Kind der Zeit“ und lässt sich aus der ganzen Geistesrichtung der Reformepoche der Westjuden leicht erklären. Das Hauptbestreben der jüdischen Aufklärung und der an dieser sich anschliessenden Reformbewegung gipfelte in der „Vermenschlichung“ und „Universalierung“ des Judentums. Seine religiösnationalen Kulturwerte schienen den jüdischen Reformern es seiner allgemein-menschlichen Werte zu berauben. Das Judentum sollte aus seinem eigenen, beschränkten Nationalgebiete in die Sphäre höheren, allgemeinen und aufgeklärten Menschentums gehoben werden. Dies war die Parole und das ersehnte Ideal der jüdischen Aufklärer und Reformer. Diesem Motive waren auch die ersten Versuche der modernen jüdischen Geschichtsschreibung in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entsprungen. Nicht um dem jüdischen Volke seine wechselvolle Geschichte in ihrer bunten Vielförmigkeit vorzutragen, dass es seine Vergangenheit kenne, nach dieser seine Gegenwart forme und aus dieser Lehren für seine Zukunft ziehe, waren die Beweggründe der ersten modernen jüdischen Historiographie. Es galt vielmehr „den Völkern und Fürsten ihre Schönheit zu zeigen“; den Nichtjuden, sagen wir auf gut jüdisch, den Urnmoth ha-olam, den Nationen der Welt in nichtjüdischer Sprache von des jüdischen Volkes glanzvoller Vergangenheit, seinen Propheten und Dichtern, 11