Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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107 In einem Winkel sass die alte Bäuerin niedergebeugt und schluchzte still in ihre Schürze. Matwejew zog mechanisch die Schuhe von den Füssen und setzte sich hin zur Schiwah. Sein Gesicht war erstarrt in tiefem Schmerz. Er liess alles willenlos über sich ergehen, kein Wort kam über seine Lippen. Sarah setzte sich neben ihn auf die Erde. So sassen sie die ganze Trauerzeit. Als sie aufstanden, gingen sie wieder an die Arbeit, lässig, mit schwachen Händen, nicht mehr beseelt von Eifer und Hoffnung wie früher. Eine trübe Verwahrlosung kam über die ganze Wirtschaft. Sie wussten jetzt selbst nicht mehr, wofür sie noch arbeiteten. In dumpfer Gleichgültigkeit ritten sie aufs Feld, auf Pferden, die nicht mehr frisch gestriegelt, mit geflochtner Mähne glänzten, wie früher. Ihr Blick glitt über das Korn, über die Täler, über den Merom-See, und es war ihnen, als sei alles ringsumher verschlossen und ohne Ausweg und sie zwei einsame, weltverlorene Menschen auf einer grausamen Erde. Der hochgewachsene bärtige Bauer und die junge Frau schlichen wie zwei Gespenster in der Kolonie einher. Sarah war immer neben ihm, als suche sie hinter seinen breiten Schultern Schutz vor irgend etwas, das ihr bange machte. Und wenn ein Vorübergehender grüsste, riss sie erschreckt die Augen auf'und klammerte sich angstvoll an den Alten. Einige Monate später kam ein Brief von ihrem Vater an der Wolga. Die Kunde von dem Unglück war auch bis heim ins Dorf im tiefen Russland gelangt. Welchen Eindruck sie dort sonst hervorrief, weiss ich nicht. Doch dies ungefähr war der Inhalt des Briefes: — Tochter — schrieb ihr Vater — Du hast uns und unsern Gott verlassen. Der Mann, dem Du folgtest,