Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Er ist immer dem Spiel der Natur und ihrer Kräfte ausgesetzt. Der Landmann weiss zu vertrauen und zu leiden. Auch Matwejew vertraute und litt. Er beugte sich dem geheimnisvollen Gotte, um dessentwillen er daheim in den Gefängnissen so viel ausgestanden hatte, so viel gepeinigt und verfolgt worden war. Matwejew hatte keinen Gefallen mehr finden können an dem frischen, fröhlichen Leben an der Wolga. Sein Bauernherz verblutete an den eigenen Träumen. Ins Graue, Unbekannte zog’s ihn hin. Was ist ihm denn jener Gott, der auf den Pappeln an den Wegen leidet? Ins Graue, Unbekannte zog’s Matwejew hin. Zu denen, die ihren Gott noch niemals sahen, den Gott, der seit altersgrauen Zeiten im Nebel über ihnen ruht, der sie aus dem Menschengeschlechte erwählet und nach seinem unbegreiflichen Willensschluss durch alle seine Länder und Völker getrieben. Matwejew wurde Jude. Stark wie die Kiefer da draussen, ein vierzigjähriger Mann, hatte er sich beschneiden lassen und die peinvollsten Leiden auf sich genommen, weil jener Gott es so will und nur die aufnimmt in den Kreis seiner Begnadeten, die so viel ertragen können. So beugte sich jetzt Matwejew schliesslich auch der neuen Prüfung des unbekannten Gottes. Er söhnte sich aus mit dem Verluste auch seines zweiten Sohnes. Und er gewöhnte sich daran, fern von seinen Feldern, als Fremder in R. zu wohnen. So vergingen einige Jahre. Eines Morgens aber, vor Tagesanbruch geschah dies: Die ganze Kolonie lag noch in tiefer Ruh. Matwejew und sein Sohn hatten kaum die Pferde getränkt. Da sprengt zwischen den schlafenden Häusern über Hals