Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 65)
- Language
- German
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63 Zu einem chassidischen Rabbi kam einmal ein schwerkranker Mann, dem man ansah, dass der Tod ihn schon gezeichnet hatte. Zum Erstaunen aller Anwenden versprach der Rabbi dem Kranken baldige völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit, und als dieser ungläubig den Kopf schüttelte, schwur ihm der Rabbi bei seiner Seligkeit, dass er gesund werden würde. Als der Kranke das Zimmer verlassen hatte, schauten die Schüler einander betroffen an. Der Rabbi aber sprach: „Habt ihr das Aufleuchten der Freude in den Augen des Kranken gesehen, als ich ihm seine baldige Genesung verkündete? Einen unglücklichen Menschen habe ich, wenn auch nur für kurze Zeit, glücklich gemacht. Einen Menschen zu erfreuen, ist die grösste Mizwo. Für die Freude, die ich dem Kranken bereitet habe, ist mir kein Preis zu hoch, auch nicht derjenige meiner Seligkeit. Besonders rühmenswert ist die Gastfreundschaft, welche die Chassidim üben. Die Worte der Weisen: „Die Armen seien wie die Kinder deines Hauses,“ werden bei den Chassidim zur buchstäblichen Wahrheit. Zum Baal Schern kam einmal ein fremder Jude am Sabbat. Auf dem Rücken trug er den Ranzen, in der Hand den Knotenstock. Die Schüler waren entsetzt über die Entweihung des Sabbats. Der Baal Schern aber stellte den Fremden nicht zur Rede, sondern wies ihm einen Platz am Tische an und labte den Hungrigen. Er erfüllte damit allerdings nur die Vorschrift unserer Weisen, welche gebietet, dass wenn jemand hungert, man nicht erst nachforschen darf, ob er der Unterstützung würdig sei oder nicht. Von einem chassidischen Rabbi wird erzählt, dass er einmal in eine fremde Stadt kam, wo er an der Türe der Reichen vergebens klopfte, bis ein armer Lehrer ihn gastlich aufnahm. Als es am andern Tage bekannt wurde, welch berühmter Mann in die Stadt gekommen sei, eilten