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Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1921-01-01 · 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921) · p. Seite 60

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Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
Issue
6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 60 (sequence 62)
Language
German
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60 denn grösser als der Menschen Mitleid ist Gottes Barmherzigkeit gegenüber all seinen Geschöpfen.“ Im Zusammenhang mit dieser Weltanschauung steht das unbedingte Vertrauen in die Gerechtigkeit und Güte des Allmächtigen, welches den Chassidismus auszeichnet. Einst war für die Chassidim eine Zeit schwerer Verfolgung gekommen. Da betete ein chassidischer Rabbi zu Gott, er möge ihm im Traum seinen Lehrer Rabbi Dow Beer erscheinen lassen. Dieses Gebet wurde erhört. Nun bat der Rabbi seinen Lehrer im Traum, er möchte doch für die Chassidim zu Gott beten, damit er ihre Leiden endigen lasse. Der Lehrer aber sprach: „Das kann ich nicht. So lange ich auf Erden lebte, sah ich alles mit irdischen Augen an. Da konnte ich zu Gott beten, er möge das Unheil abwenden. Nun aber bin ich in der Welt des Lichtes. Nun sehe ich klar und erkenne, dass auch das Leid zum Guten ist. Soll ich zu Gott beten, dass er das Gute enden lasse?“ Von einem andern Rabbi wird erzählt, dass sich ein Jude bei ihm beklagte, weil er Gott nicht recht dienen könne, da Leid und Schmerzen ihn nieder drückten. Da sprach der Rabbi zu ihm: „Woher weisst du denn, dass dein Leid Gott nicht lieber ist, als dein Dienst?“ In dieser tiefsinnigen Antwort liegt der Gedanke: Wenn du gegen Gott nicht murrst im Unglück und, was er dir auferlegt, mit Demut und Ergebung trägst, so vollbringst du damit in Wahrheit den Dienst des Allmächtigen. Bewundernswert ist die Rolle, welche die Nächstenliebe bei den Chassidim spielt. Sie kennt keine Grenzen und ist allumfassend. „Möchte ich doch,“ so sagte der Baal Schern, „den besten Menschen so lieben können, wie Gott noch den grössten Sünder liebt.“

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