Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3135693-3135702--1470-3137197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
46 Beschuldigung zu leiden. In Polen aber trat in dieser Zeit ebenfalls eine Sekte von Sabbathianern, die Frankisten an die Öffentlichkeit, nach ihrem Führer Jakob Frank genannt. Die Frankisten wurden dem Judentum besonders dadurch gefährlich, dass sie sich nicht nur den katholischen Behörden gegenüber als dem Christentum geneigt ausgaben, sondern auch die abscheuliche Verleumdung aussprachen, die am Talmud festhaltenden Juden würden Christenblut für ihr Pesachfest gebrauchen. Sie verlangten eine Disputation mit den Rabbinern, zu der diese von den polnischen Bischöfen gezwungen wurden. Auch der Baal Schern nahm daran teil. Wie wehe mag es ihm ums Herz gewesen sein, als er das Judentum vor Christen gegen Juden verteidigen musste. Dennoch hat der Baal Schern, als er später hörte, dass die Frankisten sich getauft haben, bitterlich geweint: „So lange ein Glied noch am Körper ist“, sprach er, „kann es wieder gesunden, doch ist es einmal abgeschnitten, so ist jede Hoffnung verloren.“ In dieser Zeit äusserer Stürme und innerer Zerklüftung entstand der Chassidismus. Er kam, Unglückliche zu trösten und Schwankenden Halt und Festigkeit zu verleihen. Wodurch unterscheidet sich nun der Chassidismus von dem alten überlieferten Judentum? Wenn wir nur die äusseren Merkmale, die den Chassidismus auszeichnen, ins Auge fassen, so möchte man an das bekannte Wort denken: Alles ist schon einmal da gewesen, ein Gedanken, für den König Salomon in seiner Weisheit den Satz geprägt hat: „Es gibt nichts neues unter der Sonne.“ Vor bald zwei Jahrtausenden gab es im Judentum die Sekte der Essäer. Eigentlich war es ein Orden, dessen Mitgliedschaft man durch eine förmliche Aufnahme erlangte. Klein an Zahl, erlangte dieser Orden doch durch die