Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3135693-3135702--1468-3137195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
44 wohl noch sehr edel zu handeln, als er die Familien der Getöteten und Verwundeten mit Geld entschädigte. Aber weder ihm selbst, noch seinen rohen Genossen kam es in den Sinn, dass er das Unrecht und die Schmach, die er unschuldigen Menschen angetan und das Blut, das er vergossen, mit Geld nicht zu sühnen vermochte. Zu diesen äusseren Leiden, welche die Juden in Polen fast zur Verzweiflung brachten, kam um die Zeit der Entstehung des Chassidismus noch ein trauriges Ereignis, das Spaltung und Verwirrung in die jüdischen Reihen trug und das Judentum in seinen Grundfesten erschütterte. Die Überzeugung, dass einst der Messias kommen werde, der Erlöser, der Israels Schmach enden und eine Zeit des Heiles und des Glückes für die ganze Menschheit herbeiführen werde, gehört nicht nur zu den Glaubenslehren Israels, sondern wurzelt tief im jüdischen Volke, und die tröstliche Hoffnung, die sie verleiht, hat unendlich viel zur Erhaltung des jüdischen Stammes beigetragen. Nun hatte man aus Andeutungen im Buche Sohar herausgelesen, dass der Messias im Jahre 1666 erscheinen werde. In diesem Jahre gab sich nun wirklich ein Mann als der verheissene Messias aus: Sabbathai Zewi aus Smyrna, ein Mann, der durch seine Schönheit, sein einnehmendes Wesen und die edle Würde, welche er zur Schau trug, viele Anhänger gewann. Wie wenn nach langem Frost die Blüten aus dem Schoss der Erde hervorbrechen, um der Frühlingssonne sich zu erfreuen, so ging ein erleichtertes Aufatmen, ein taumelnder Jubel durch die ganze jüdische Welt. Jede Nachricht von dem falschen Messias wurde mit gläubigem Entzücken vernommen. Nur wenige zweifelten; die meisten waren überzeugt. Denn, was man wünscht, das glaubt man gerne. Man erwartete mit Bestimmtheit, dass Sabathai Zewi nach Konstantinopel