Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 43)
- Language
- German
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43 aber war die Macht der Könige gebrochen, und diese besassen nur noch den Schatten ihrer einstigen Herrlichkeit. Wohl waren die Gesetze des Landes gut und freiheitlich, aber sie standen nur auf dem Papier, und keine Autorität erhielt sie in lebendiger Wirksamkeit. So wurden, um nur ein Beispiel anzuführen, die Klagen wegen Ritualmordes in Polen mit hoher Strafe bedroht, und doch gab es nirgends so viel Prozesse wegen Ritualmordes und wegen Hostienschändung wie in Polen. Mehr und mehr sahen sich die Juden durch den Druck ihrer Feinde gezwungen, die Städte zu verlassen und ihren Wohnsitz auf den Dörfern zu nehmen. Dort waren sie vollkommen rechtlos und der Willkür der adeligen Grundbesitzer, die wie kleine Könige auf ihren Ländereien eine unbeschränkte Herrschaft ausübten, ausgeliefert. Nicht umsonst nannten die Juden den Adeligen den „Poriz“, das will sagen: Jemand, der keck und dreist den schützenden Zaun der Gesetze einreisst und sich jenseits aller Schranken des Rechtes stellt. Grenzenlos ist das Leid, welches die Juden damals auszustehen hatten. Nur zwei kleine Berichte, die deutlicher sprechen als Zahlen und Daten, mögen ihre Rechtlosigkeit illustrieren. Der jüdische Philosoph Salomon Maimon, der aus Polen stammte, erzählt von seinem Vater, dass der „Poriz“ ihm, als er noch ein Knabe war, einmal ein Glas Schnaps reichte, und als er sich weigerte es anzunehmen, ihn mit Stockschlägen unbarmherzig zwingen liess, ein Fass Wasser auszutrinken. Der Knabe hat diese barbarische Prozedur überstanden, aber er ist, so lange er lebte, nicht mehr recht gesund geworden. Fürst Radziwill, ein polnischer Adeliger, dem weite Landstrecken gehörten, lud einmal seine Freunde zu einem Jagdvergnügen ein. Dann zwang er die Juden seines Bezirkes, die Bäume zu besteigen und liess die Jäger auf dieses seltene Wild schiessen. Er glaubte