Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 251)
- Language
- German
- Belongs to
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245 das Pfeifen der Lokomotive mein Ohr; vor meinen Augen fährt der Zug dahin, in seinem Innern die beiden Vorsteher bergend. Was wird der Minister von mir denken, wenn ich bei der Audienz fehlen werde, und ich sollte doch der Sprecher sein! Vor 11 Uhr geht kein Zug mehr; soll ich um 11 Uhr noch nachfähren? Doch was kann das nützen? Da klopft mir jemand auf die Schulter; und siehe, die beiden Vorsteher sind’s, die ohne mich nicht hatten abfahren wollen. Ich erzählte mein komisches Abenteuer, und trotz des Kummers um die versäumte Audienz wurde es herzlich belacht. Wir beschlossen nun, um 11 Uhr abzureisen. Als wir zur bestimmten Stunde an den Bahnhof kamen, fanden wir alles in der grössten Bestürzung. Es hatte sich ein furchtbares Unglück zugetragen; der Schnellzug, dessen Abgang wir versäumt hatten, war auf einen Güterzug gestossen; die Wagen waren zertrümmert, mehrere Menschen waren getötet, viele verwundet worden. So hatte denn das graue Männlein die Wahrheit gesprochen : es hatte sich um Menschenleben gehandelt, und wir drei verdankten ihm vielleicht Gesundheit und Leben. Gar wunderbar sind die Wege der Vorsehung. Der Minister erteilte uns zu einer späteren Stunde Audienz; er hatte befürchtet, dass wir in jenem verunglückten Zuge gesessen und hörte leutselig die Erzählung der Ursache, warum wir den Abgang desselben versäumt hatten, an. Er war sehr gnädig und erledigte die Angelegenheit, um die es sich handelte, nach unserem Wunsch. Ein ganzes Jahr war vergangen; ich hatte das graue Männlein nicht wieder gesehen. Da ersuchte mich ein Mann aus meinem Distrikt, seine Trauung in H—heim,