Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 178)
- Language
- German
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174 möglicht und erheischt auch die Abweichung von der Regel, dass diese Immigration eine nationale sein muss. Wenn Sokolow aber an der Welthilfskonferenz in Karlsbad gesagt hat: Die Grenzen verschliessen sich vor dem Strome der Immigranten. Hier heisst es mit den Regierungen zu verhandeln, hier heisst es, Politik treiben. Wir können ihr nicht entgehen1)“, so ist darunter wahrlich nicht gemeint, dass die Juden eine nationale Politik auf dem Gebiete der Immigration auch bei anderen Staaten ausser Palästina treiben sollen, denn eine solche Politik müsste unbedingt Schaden bringen, zumindest indirekt dem Einzelnen gegenüber. „Es ist kein Geheimnis, dass jetzt überall eine starke Abneigung gegen eine jüdische Masseneinwanderung besteht, vor allem gerade in den Ländern, auf die es uns hauptsächlich ankommen muss, ganz besonders in Amerika2).“ Und wenn es vielleicht auch richtig sein mag, dass „nicht genau die gleiche starke Abneigung gegen ostjüdische Einwanderung . . . (überall) zu überwinden ist“, so muss doch zugegeben werden, dass das Aufrollen der nationalen Frage bei einem Immigrationsprobleme für Juden in jeder Beziehung nur eine Erschwerung des Problemes bedeuten müsste. „Auch die Frage der Wanderung ist nicht nur eine Frage der Geldunterstützung, sie ist in hohem Grade eine politische Frage“ sagte Sokolow in eben derselben Rede, aber politisch nur vom Standpunkt des Immigrationslandes, oder von jenem der dortigen, im Immigrationslande bereits heimischen Bevölkerung, indem diese sich von politischen Gründen gegenüber den Einwanderern leiten lässt, aber niemals vom Standpunkte des jüdischen Nationalismus; dieser ist politisch mass- 1) Stenographisches Protokoll vom 8. August 1920. 2) Nathan Birnbaum: Vor dem Wandersturm, S. 28 u. 25. 1919.