Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 118)
- Language
- German
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116 b) In der Gegenwart. Nur in allerneuester Zeit erlebten wir das Unerwartete: dass nämlich aus der Mitte der Juden selbst ernste Versuche unternommen wurden, sich aus der martervollen Situation mit eigener Kraft herauszuwinden. Diese Lösungsversuche waren, wenn auch indirekt und unbewusst, die Folgeerscheinung eines eigenartigen Prozesses, welches seit etwa Mitte des letzten Jahrhunderts immer mehr in allen Ecken Europas sichtbar wurde: es war das ziemlich plötzliche Erwachen des sogenannten Nationalgedankens. Die Einigung Italiens, Deutschlands, der Panslawismus, der Pangermanismus, das successive Zerbröckeln der Türkei in ihre heterogenen Bestandteile — es war mit einem Worte das mächtige Auflodern einer Mentalität, die erst heute den zutreffenden Namen gefunden hat: das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Die zugehörigen Volksteile schweissten sich zusammen, die Konglomerate hingegen zerfielen in die einzelnen Bausteine. * * * Auch die Juden wurden von diesem neuen Geiste bald erfasst, auch sie empfanden plötzlich das Bedürfnis, ihrer beispiellosen Zerstreutheit ein Ende zu machen und irgendwo einen kompakten, auf sich selbst beruhenden Volkskörper wieder aufzurichten. So entstand die Bilu-Bewegung, so entstand später zunächst der reine Territorialismus von Herzl1), der bald durch die bereits vor ihm entstandenen Palästinensischen Tendenzen auf den Weg des Zionismus gelenkt x) „Ist Palästina oder Argentinien vorzuziehen? Die Society wird nehmen, was man ihr gibt.“ Th. Herzl, Der Judenstaat.