Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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111 in den Augen der anderen. Sie sind fremd nicht nur da oder dort, sie sind fremd überall, da sie nirgends heimisch sind. Ist es verwunderlich, dass sie die Schwere dieses sonst für alle „Fremden“ gütigen Naturgesetzes doppelt empfinden mussten? Und so sehen wir denn ein mächtiges Aufflackern des Judenhasses und — im Einklang mit den aufgepeitschten und unbezähmten niedersten Leidenschaften der Menge — zahlreiche Versuche, speziell diese Fremdlinge, weil schutzlos, unter Anwendung brutaler Gewalt loszuwerden. * * * Neulich hatte ich Gelegenheit, mich mit einem angesehenen schweizerischen Politiker über die Judenfrage zu unterhalten. Nach längerem Hin und Her glaubte ich bereits, mein Gegenüber über die tieferen Gründe der jüdischen Tragik ein wenig aufgeklärt zu haben, als er mich plötzlich mit der Frage überraschte: „Wie lange, glauben Sie, geht es nun eigentlich, bis sich die Juden in der Schweiz ihrer Umgebung ganz angepasst haben werden?“ Ich bedauerte, ihm im Augenblick darüber keine genaue Auskunft geben zu können. Es frappierte mich aber, wie einfach und eindeutig unsere Umgebung das für uns so unendlich komplizierte Problem auffasst. Für die intelligenteren Kreise Europas, die nicht vom blinden Judenhass ergriffen sind, handelt es sich gewissermassen um eine mathematische Aufgabe: „Wie lange?“ . . . Wie lange geht es, bis die Juden sich gänzlich assimiliert haben? Und wenn wir uns in die Psyche eines solchen Nichtjuden versetzen (was nicht jedem von uns gegeben ist), so werden wir nicht umhin können, zuzugeben, dass der Nichtjude diese Frage gar nicht anders auffassen kann. Er kann sich wohl mit den geschlitzten Augen des Mongolen, mit der schwarzen Haut des Negers befreunden. Sind