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Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1920-01-01 · 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
Issue
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 110 (sequence 111)
Language
German
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IRI
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110 sich „gegen weisse Frauen vergreifen“, und man mordet die Armenier, weil sie „Aufstände vorbereiten“. Zu allen Zeiten aber waren wirtschaftliche Motive in den Beziehungen zu den Fremden von ganz besonderer Wichtigkeit. Die erfolgreiche Konkurrenz der Fremden machte besonders böses Blut1). Mit der Entwicklung des Kapitalismus, mit der wachsenden Bevölkerungsdichtigkeit und der parallel damit steigenden Erschwerung der Beschaffung von ausreichenden Existenzmitteln nahm diese Hassursache immer grössere, immer erbittertere Formen an. Die Folge davon war ein immer fühlbarer werdendes Bedürfnis, die sichersten und ergiebigsten Existenzquellen für die eigene, alteingesessene Bevölkerung zu reservieren. Jeder Fremde wurde geduldet, solang und insofern er sich als wirtschaftlich nützlich für das Wirtsvolk erwies. War das nicht mehr der Fall, dann musste er weichen — der rohen Gewalt ehedem, dem Boykott, dem politischen und sozialen Drucke heutzutage. Der Weltkrieg riss diese Gegensätze noch mehr an die Oberfläche, zerrte die schützende Hülle der diplomatischen Höflichkeit herunter und enthüllte die Tiefen der Massenpsychologie in all ihrer nackten Widerlichkeit. Die Macht der Organisation, der straffen, engen Zusammenfassung wesensverwandter Elemente wurde nämlich während der Kriegsjahre allzu offenbar. Jeder Fremdkörper konnte, musste schädlich sein, da er die Homogenität der Gruppe störte, ihre Widerstandsfähigkeit der Umwelt gegenüber herabminderte. Nun sind aber die Juden, wie wir gesehen haben, überall Fremde par excellence. Ihre beispiellos dastehende Wurzellosigkeit macht sie zu einem einzigartigen Phänomen 1) Man findet dafür bei Sombart („Die Juden und das Wirtschaftsleben' 7. Kapitel) einige in ihrer biederen Offenheit wahrhaft entzückende Beispiele aus mittelalterlichen Dokumenten.

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