Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1920-01-01 · 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920) · p. Seite 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
Issue
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 108 (sequence 109)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3135693-3135704--1238-3136964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

108 Problem als etwas einzig dastehendes, noch nie dagewesenes zu betrachten und dementsprechend einseitig, wirklichkeitsfremd, durchaus falsch zu behandeln. Bis in die allernächste Vergangenheit. Hie 15 Millionen Juden, hie 15 hundert Millionen Nicht-Juden! So lautete die Antithese. So spiegelte sich die Judenfrage im Gehirne sowohl der Juden als der Nicht-Juden. Daher auch die phantastischen, oder unmenschlich - brutalen Lösungsversuche. In Tat und Wahrheit aber ist die Judenfrage ein Volksproblem wie manch anderes, auffallend nur durch seine Intensität, nicht aber dem Wesen nach. * * * Man vergass: was ist die Weltgeschichte anders als ein ewiger Kampf von Nationen, Völkern und Rassen gegeneinander? Ein Kampf, der bis in die letzten Jahrzehnte zuweilen den Charakter eines reinen Ausrottungsfeldzuges angenommen hat. Nicht nur in der Antike und nicht nur im Mittelalter: kaum zwei Mal ist die Natur aus dem Winterschlafe wieder erwacht, seit die eine Hälfte unseres Planeten aufgehört hat, gegen die andere Hälfte in mörderischem Kampfe zu wüten. Aber auch in den sogenannten Friedenszeiten: nicht nur wurden Abertausende Armenier von den Türken massakriert, nicht nur lag die eiserne Hand des russischen Kolosses schwer auf dem Nacken seiner Randvölker; das demokratischste, freiheitlichste Volk auf unserm alten Kontinent musste mit wachsender Besorgnis Zusehen, wie ein Teil von ihm selbst, ihm seit vielen Jahrhunderten scheinbar unauflösbar verbunden, immer lauter die furchtbarsten Anklagen wegen tyrannischer Unterdrückung in die auf horchende Welt schleuderte, ja, am Ende gar die Fahne des offenen Aufruhrs zu entrollen versucht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.