Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 104)
- Language
- German
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103 glücklichen, heimatlosen, verführten Söhne seines Volkes lebte. Welch ein ungebrochener Zauber webt doch in dieser uralten Gemeinschaft über die ganze Erde verstreuter Abrahamiten! Dort in Petrograd der Sowietgewaltige, der Mann mit dem Stiernacken, ein Staatenbauer, der Völkergeschicke träumt und die Welt in neue Bahnen zu reissen droht; auf der sibirischen Steppe der gewesene Finanzgewaltige, der in erhabenen Schauern von Not und Gefahr zu seinem Gott sich wiederfindet, und hier — diese geschlossene Schar düsterer Leidträger, die Trümmer ihrer Hoffnungen zu Grabe geleitend. Überall eine unsichtbare Willensgewalt, eine sich immer wieder gebärende Werdekraft, die des Todes spottet. „Töricht, wer es vermeint, dieser Rasse mit Lynchgerichten beizukommen, töricht, wer den Granit, an dem, Jahrtausenden zum Trotz, der Zahn der Zeit zerbröckelte, mit einem bischen Feuerbrand zu lockern wähnt.“ Der Staatsanwalt nickte und packte den Gefährten fester am Arm. Sie waren in das Gehege des Friedhofes getreten, wo die breiten, weissen Leichensteine winkten und mit ihren fremdartig orientalischen Schriftzeichen in die Sonne blinzelten. Durch die Menge ging eine schaukelnde Woge, dann — mit einem Ruck — stand alles still. Über einem offenen Riesengrab ertönte plötzlich eine schauervolle Stimme, eine Stimme, von Seufzern geschwängert und voll verhaltener Tränen, aber zugleich furchtbar dräuend, von einer Durchschlagskraft, die alle Herzen spiesste und jede Brust erschauern machte. Was wollte diese fürchterliche Stimme, die wie die Posaune von Jericho über einem offenen Grabe erklang? Warf sie einen Fluch der Rache über die andersgläubige Welt, über eine Welt, die diesem kleinen, unansehnlichen