Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Das Leichenbegängnis der Märtyrer, dem der Bürgermeister und der Staatsanwalt sich angeschlossen, war in seiner erschütternden Einfachheit eine Kundgebung von grandioser Gewalt. Nie haben die Gefährten die Majestät der Trauer eindrücklicher auf sich wirken gefühlt. Dem Zuge voran trugen in einem einfachen, mit schwarzem Bahrtuch verhangenen Sarg vier bleiche, schwarzbärtige Männer auf ihren Schultern die verbrannten Überreste der heiligen Rollen. Zu beiden Seiten dieser trauerumflorten Bundeslade wankten die greisen Rabbiner der Trauergemeinde, die unglücklichen Hüter des Gesetzes. Dann folgte ein schwarzer Riesenwagen. Er trug die verkohlten Leichen von Greisen, Frauen, Männern und Kindern hinaus zur letzten Ruhestatt — dorthin, wo keine Menschenhyänen mehr ihren ewigen Frieden stören werden. Was noch lebte von der grossen Judengemeinde, folgte dieser Riesenbahre, die wie ein grosser schwarzer Flecken gegen den Himmel stand. Kranke waren von ihrem Lager aufgestanden, Gebrochene schleppten sich auf ihren Krüken, um den Märtyrern ihres Stammes das letzte Geleite zu geben. Die Strasse schwärzte sich von Menschen. Und es war den beiden Gefährten, die hinter diesem Zuge einhergingen, als schreite der Genius Alt-Israels mit umgekehrter Fackel, dräuend und gross, hinter der Bahre der niedergemetzelten und verbrannten Kinder seines unsterblichen Stammes, um sie heimzugeleiten zu ihren Vätern. Der Bürgermeister fühlte sich unwillkürlich an Goldstein erinnert, den hingebenden Gefährten, der mit demütiger Seele alle wilden Geisselhiebe des Schicksals auf seinem gebeugten Rücken aufgefangen und noch im Angesichte des Todes nur dem Gedanken an die un-