Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 105)
- Language
- German
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104 Völklein die verkohlten Knochen seiner Kinder und Mütter ins Antlitz spie? Bannte diese Grabesstimme den Zauber der Vernichtung in ihre Gewalt, um ihn wie einen zündenden Blitz auf die Häupter der Schänder und Verfolger zu schmettern? Nichts von alledem! Es war nur der Kadisch, der Sterbepsalm für die gemarterten Seelen, jenes erhabene Gebet, das allein die Glorie des ewigen Gottes verherrlicht und kein Wort hat für Tod und Vergehen. Aber beim Klange des höchsten Namens schluchzten tausend Seelen auf in brennendem Schmerz, tausend Herzen krümmten sich in Weh, und nicht in tropfenden Perlen, nein, in Schauern eines markgefrierenden Herbstregens bluteten aus tausend schmerzenden Augen die Tränen. Sie rannen über fahle, eingefallene Wangen, überströmten bebende Lippen und fielen auf die herbstliche Erde, die mit verwehten gelben Blättern der Welt des Lebens den Sterbepsalm sang. Ein gemartert Volk schrie auf zu seinem Gott. Der Bürgermeister und der Staatsanwalt entblössten ihre Häupter und ihr Menschtum beugte sich in tiefer Ehrfurcht vor dem Schmerze eines heimatlosen Volkes, das seit zwei Jahrtausenden von Golgotha zu Golgotha wankt. Dann wurde es wieder still und ein Mann von moderner Prägung, dem man nichts mehr vom ostjüdischen Typus ansah, ergriff das Wort zur Trauerrede. Die beiden Gefährten glaubten nun, dass von diesem Munde die donnernde Anklage gegen die kulturschändende Mordtat an Wehrlosen zum Himmel tönen werde, die Anklage gegen ein Volk, das seinen Einzug in eine „befreite“ Stadt nicht anders zu krönen gewusst, als mit Gräueln, deren Blutspuren alle Wasser der Weichsel und Oder, die Wogen zweier Meere nicht mehr von den Fittigen des weissen Adlers hinwegspülen werden, so-