Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 102)
- Language
- German
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101 Pfaffe?“ Und eh’ er sich’s versah, wurde er schmählich hinausgejagt aus dem Gehege, wo das siedende Blut verbrannter Frauen und Kinder von flammenden Altären zum Himmel schrie. „Nenne nicht den Namen Christi auf dieser Stätte“, beschwichtigte der Bürgermeister, der gesenkten Hauptes die Hände auf der Brust gekreuzt, lange wortlos in die Flammen gestarrt. „Seitdem in den beiden feindlichen Lagern des grossen Krieges christliche Völkerschaften allerlei Zulukaffern, Senegalesen, Gurkas, Araber und Türken auf ihre lieben Mitchristen gehetzt und ihre gefangenen ,christlichen* Nächsten von Schwarzen haben bewachen lassen, ist das Recht verwirkt, diesen Namen in unserem Munde zu führen. Schliesst die Tore euerer Kirchen, ruft die Missionen nach Hause: sie haben in zwei Jahrtausenden die menschliche Bestie nicht gebändigt.“ Der Staatsanwalt lehnte in düsteren Gedanken an die Ruine eines halbzerfallenen Gemäuers. „Ich frage mich und frage mich immer wieder: Ist das vielleicht ein Strafgericht, eine Richtstätte, ist es vielleicht die Blutrache eines Volkes gegen eine Gemeinschaft von Missetätern, die sein Gefüge von Ordnung und Sitte durchbrochen, seine Institutionen missbraucht, sein Kulturwerk zu Schanden gemacht? Ich zermartere mein Gehirn nach einem Schein von Rechtfertigung für diesen Bacchanal von Blut und Flammen mitten im Friedens-Europa nach dem furchtbaren Aderlass des grossen Krieges. Aber vergebens! Diese grinsende Soldateska, die ihre tierischen Gelüste hier gestillt und von Wehrlosen sich ihre bluttriefende Beute geholt, die nun die Spuren ihrer Korybantenorgien durch eine Flammenwüste zu vernichten sucht —, das ist nicht das Volk, das sind nicht Richter, nicht einmal Henker.“