Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1920-01-01 · 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920) · p. Seite 100

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
Issue
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 100 (sequence 101)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3135693-3135704--1230-3136956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

100 sam das letzte Aufzüngeln einer flammenden Menschenhekatombe, gegen den Himmel stob. „Luda matutina!“ rief der Kaplan verzweifelt und schlug die Hände vor’s Antlitz. Und der Sohn dieser Erde, der seit der Rückkehr aus dem Exil nur die Grösse und Herrlichkeit seines Stammes gesungen, fühlte einen Riss durch seine Seele klaffen. Was musste er erleben? Warum waren seine Augen nicht erblindet, bevor sie dies Schandmal der wiederauferstehenden polnischen Erde erschauen mussten? Warum waren seine morschen Knochen nicht den Wölfen der sibirischen Steppe verfallen, bevor sie ihn heimgetragen, um die ewige Schmach seines Volkes erleben zu müssen. Hier, auf der Stätte, wo seine Ahnen gegen Türken und Tartaren gekämpft, wo an den östlichen Marken der Christenheit unsterbliche Helden hohe Wacht gegen die Flut der Barbarei gehalten und ihr kreuzgeschmücktes Schild die Mächte der Finsternis gebannt aus den geheiligten Bezirken des Gottesfriedens! Bargen nicht in diesem Augenblicke die Mauern der befreiten Oststadt die Blüte der polnischen Jugend und Männlichkeit: Befehlshaber, Schriftsteller, Künstler und Gelehrte? Und wo sind die Priester dieser Stadt, wo der Metropolit, die Träger der Bischofsmützen, die Vorsteher der Klöster, die Schwestern der Barmherzigkeit? Ist der Blick des ganzen Areopags der polnischen Rasse versteinert vor dem Gorgonenhaupt dieser Gräuel, dass keine menschliche Träne mehr fliesst, kein Arm sich reckt, um die Würde des Menschtums zu retten? Und der Priester durchbrach die Reihen der Schergen, erhob das Kreuz, das er von seiner Brust riss, gegen den Himmel, und von seinen Lippen sprangen Worte, die wie die Flammen dieser ungeheuren Scheiterhaufen aufloderten. Ein wildes Hohngelächter ward ihm zur Antwort: „Willst du es am Ende mit den Juden halten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.