Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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99 menschliche Töne, die aus dem Innern erschollen? Dieses Zischen und Pfauchen, das heisere Gebrüll und berstende Gestöhn: es waren keine menschliche Laute mehr. Und in diesem Augenblicke geschah etwas, was selbst die grinsenden Menschenmetzger für eine Weile in Schrecken erstarren machte. Sieben Greise mit wallenden Silberbärten und wehendem Haar rückten von einer schmalen Seitengasse in festem Schritt und Tritt gegen die Front des flammenden Gotteshauses. Ihre Augen waren blutig unterlaufen und auf ihren gefurchten Stirnen glänzte der Todesmut des Martyriums. Sie kamen, die Thorarollen aus dem brennenden Tempel zu retten, damit die Heiligtümer ihres Stammes nicht entweiht werden. Und mit dem Rufe: „Schema Israel!“ warfen sie sich in die Flammen. Die Heiligung des höchsten Namens war’s, nach der ihre blutenden Seelen lechzten. Aber sie kamen aus den Flammen nicht wieder. Man fand sie in die Thorarollen gewickelt, verkohlt unter den Trümmern. Durch die geborstenen Fenster waren wohl einige jüngere Männer mit brennenden Kleidern auf die Strasse gesprungen; aber sie wurden von den Schergen draussen augenblicklich niedergeknallt. Und die lebendige Riesenfackel lohte und prasselte, die Rauchsäule wehte durch die Weite des Himmels und stob Myriaden Funken über die vereinsamten Judengassen. Von allen Seiten wurden Baalsfeuer lebendig und mischten züngelnd ihren Flammenatem miteinander, bis sie in blutiger Lohe über der Judenstadt zusammenschlugen. Die drei Gefährten fanden sich gerade in der Nähe, da die Deckengewölbe der uralten Synagoge krachend einstürzten und eine zischende Flammenrakete, gleich-