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Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1920-01-01 · 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920) · p. Seite 76

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Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
Issue
5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 76 (sequence 77)
Language
German
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76 reden, eine Meinung zu vertreten, die doch wenigstens eine Meinung war, mochte sie dem Wesen des Überredeten entsprechen oder nicht. Bei den meisten Menschen ist es ja leider der Fall, dass deren Handlungen durch die Einflüsse ihrer Umgebung, ihrer Umwelt fortwährend bedingt sind, und nur die wenigsten vermögen sich der Idole der Erziehung, der Nationalität, des sozialen Kreises (Stand oder Beruf), der politischen Partei, der Konfession zu entäussern, um der Wahrheit an und für sich ins Antlitz zu schauen. Leider trifft es bei den meisten Individuen zu, dass sie nicht selbständig denken und gar nicht den Ehrgeiz haben, ihre Persönlichkeit zu steigern. Der Durchschnittsmensch ist von seiner sozialen Gruppe rein causaliter bedingt. Heil ihm, wenn seine soziale Gruppe ihn lehrt, wahres Glück zu erlangen; weh ihm, wenn seine Erbschaft ihn dem Unglück zuführt! Und wenn Zweifel ihm begegnen und ein Kompromiss angebahnt wird, so mag das alsdann gerade recht sein, weil ein Kompromiss unter solchen Umständen der erste Schritt auf dem Weg der Wahrheit ist. War indes das Innenleben weit und dadurch weit auch die Auswahl der Motive, stand man von jeher zur Umwelt nicht nur im Verhältnis der Kausalität, sondern auch in dem der Wechselwirkung, hat man sich nach Müh’ und Pein zu einer Ansicht durchgerungen, dann muss es jedermann als Sünde erscheinen, von einem Kompromiss zu reden. Gab man aber seinem Milieu mehr als man ihm entnahm, vermag man der Menschheit eine um seine eigene Individualität bereicherte Erbschaft zu schenken, so klingt das Wort Kompromiss schon wie Unsinn. Ist man nun gar durch inneres Schauen von der Wahrheit einer Ansicht durchdrungen, ist nach unserer felsenfesten Überzeugung ein Gesetz göttlichen Ursprungs — וצדיק באמונתו יחיה —, fühlen wir in einem Gedanken Gottesgeist, so wäre alsdann Kompromiss gleichbedeutend

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