Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3135693-3135704--1201-3136927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71 send Halbwaisen und die sonst durch das Elend der Verwahrlosung anheim fallenden Kinder gerettet werden? Wie kann der geistigen Not, der ohne Schule und ohne Unterricht heranwachsenden, herrenlosen Jugend gesteuert werden? In Russland sind 250,000, in der Ukraine 150,000 in Ostgalizien 45% der Kinder ohne Schule. In Saloniki, das, wie der Orient überhaupt, dem Kreise der Betrachtung nicht entzogen werden darf, sind 12,000 Kinder infolge des Brandes vom Jahre 1917 ohne geistige Erziehung. Zum allgemeinen Bild des Jammers gehört der völlige Mangel an Lehrern und Lehrmitteln in allen Gebieten der Not. Als Forderung auf dem Gebiete der geistigen Fürsorge wird deshalb aufgestellt: die Errichtung eines Schulwerkes nach dem Prinzip der Arbeitsschule und ausgebaut nach den Notwendigkeiten des modernen Wirtschaftslebens; all dies unter Autonomie und gleichmassiger Berücksichtigung aller im Judentum vertretenen Richtungen. Eine Resolution in diesem Sinne wurde von der Konferenz einstimmig gutgeheissen. Wenn ich noch der mehreren tausend Studenten gedenke, deren Elend in Wien, Ungarn, Böhmen und in der Schweiz unbeschreiblich ist, so habe ich wohl ein Blitzlicht geworfen auf die jammervolle Gegenwart, in welcher die jüdische Jugend lebt, auf der die Zukunft des Judentums ruht. Hier ist schnelle und konstruktive Hilfe in grösstem Ausmasse nötig. Volksfremdheit ist aber der Tod jeder Unternehmung. Was auch geschieht, es muss unter Mitwirkung der Mütter und unter peinlicher Achtung der Würde und der religiösen Gefühle der Empfangenden geschehen. Dieses letztere gilt auch für die Emigrations- und Wiederaufbau-Hilfe, von der Nahum Sokolow in seinem Schlusswort betonte: das jüdische Volk im Osten will nicht Objekt der Hilfe sein; das demokratische Prinzip der heutigen Zeit heisst nicht alles für das Volk, sondern alles durch das Volk. Eine,