Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 241)
- Language
- German
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231 Viele Israeliten aber waren bereits früher gezwungen worden, zum Christentum überzutreten. Öffentlich bekannten sie sich zu dem aufgezwungenen Glauben; aber in unterirdischen Gewölben und verborgenen Kellern lebten sie der Religion der Väter nach. Diese Scheinchristen nannte man Marannen. Gegen sie wurde das schreckliche Inquisitionsgericht in Anwendung gebracht. Wehe dem Marannen, der des heimlichen Judentums angeklagt wurde. Für ihn gab es keine Rettung; er wurde eingekerkert, verurteilt und dem Feuertode überliefert. Solch ein Autodafé war das beliebteste Schauspiel für den vornehmen wie für den geringen spanischen Pöbel. Die Marannen schwebten in immerwährender Gefahr; oft genügte es, reich zu sein, um vom Inquisitionsgerichte eingekerkert und verurteilt zu werden; so brauchte nur jemand einen Feind zu haben, der eine Anklage gegen ihn beim Inquisitionsgerichte einreichte, und es war um ihn geschehen. Im Jahre 1570 lebte in Toledo ein junger, wohlhabender Mann namens Perez Morteira. Sein Urgrossvater hatte sich 90 Jahre zuvor taufen lassen; aber heimlich war die Familie dem Judentum treu geblieben. Vor nicht langer Zeit waren Perez Morteiras Eltern gestorben und hatten dem einzigen Sohne ein schönes Haus und herrlichen Grundbesitz hinterlassen. Ein Nachbar wollte die köstlichen Weingärten Morteiras erwerben; dieser aber weigerte sich, das Erbe seiner Väter zu verkaufen. Da klagte ihn der Nachbar des heimlichen Judentums an. Doch Perez hatte Freunde unter den Inquisitoren; er wurde zeitig gewarnt, und als die „heilige Hermandad“1) — so nannte man die Schergen des Inquisitionsgerichtes — i) Die heilige Hermandad war ursprünglich ein Städtebund nach Art der deutschen Hansa, um ihre Mitglieder gegen Landfriedensbruch zu schützen; später verlor sich diese Bedeutung; die Rieper der heiligen Hermandad standen dann im Dienste des Staates und wurden von diesem der Inquisition zur Verfügung gestellt.