Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 234)
- Language
- German
- Belongs to
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224 getragen, dass sich Hass gegen ihre guten, stillen Lehrer in mir geregt hätte. Nein, ich erinnerte mich nur an unsere armen jüdischen Kinder, wie sie über die ganze Erde zerstreut, in enge, luftarme Chederschulen gepfercht, dem Stock des Rebben unterworfen sind. Warum sind sie von den Feldern, aus den Gärten verbannt? Weil die Eltern gesündigt haben, sollen auch sie leiden? Warum bringt man sie nicht hierher, auf die Felder, in die Gärten von Jerusalem, um hier zu schauen und zu leben?... Zusammen mit den Bergen hatte die Dunkelheit begonnen, durch die Fenster hereinzublicken. Es war die Stunde des Mincha-Gebetes gekommen. Aber die Leute wollten damit warten, bis sie den Boden Jerusalems betraten. Nur fürchteten sie, die vorgeschriebene Zeit zu versäumen, und spähten ängstlich zum Himmel hinauf... Doch noch ist kein Stern zu sehen, der Himmel Jerusalems hüllt sich nicht so schnell in Nacht... Dort, weit im Westen, flammt die Sonne. Vielleicht ist das dort schon Golgatha... Mein Herz fing an, in Freude und Schreck zu pochen. Alle wurden still, ganz still. Alle harrten des Augenblicks, da sie Jerusalem schauen sollten. Die Schulkinder drängten sich wie die Küchlein um ihre Lehrer. Die Frauen banden die Hauben um. Die Männer zogen die Sabbatkaftane aus Atlas an. Und alle umfing die Dunkelheit, und alle harrten in Angst und Schweigen auf das Heilige und Grosse ... Da... Wir halten! Und der Schaffner ruft es ganz alltäglich aus: Jerusalem!“ „Jissgadal w’jisskadasch schmeh rabbo“, höre ich hinter mir. Die Juden beten Mincha auf dem Boden von Jerusalem. Ich sprang in einen Wagen, um mich rasch zur Westmauer fahren zu lassen. Ich wollte noch zum Maariw-