Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 235)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Gebete dort sein. Mein Herz pochte. Die Nacht war plötzlich auf Jerusalem herabgesunken. Die Stadt schrecklich, schrecklich still. Die Menschen in ihren Häusern verborgen. Aus den Fenstern schimmerte da und dort ein Öllicht, kündete, dass der Arbeiter vom Felde heimgekommen sei und bei seiner Mahlzeit sitze ... Mir war, als hinge das traurige „W’hu rachum fchapper owojn“ unseres Beth hamidrasch daheim, in einer trüben Herbstnacht, über Jerusalem. Ich langte erst nach dem Maariw-Gebete an der Tempelmauer an. Eine hohe, hohe Mauer, wie eine schwarze Säule gegen'den Himmel sich streckend. Die Beter waren schon fort. Nur in einigen Steinspalten zitterten noch die Unschlittlichter, die sie zurückgelassen hatten. Rauchige Flämmchen, die die fettfeuchten Steine beleuchteten. Sie kamen mir wie nicht beendigte Gebete vor, die da zurückgeblieben waren... In einer Ecke stand ein einsamer, schwarzer Schatten, die Arme hoch und an die Mauer geklammert, den Stein ans Herz pressend, das Gesicht in einer Spalte vergraben, und murmelte ein stilles Gebet: „Herr, verbreite die Heiligkeit Deines Namens über die ganze, ganze Welt...!“ Und eine irrsinnige Mutter in weissen Kleidern sass an der Mauer und sah irgendwohin, weit, weit in die Welt hinein... Ich aber warf mich nieder und küsste die Steine... Schalom Asch. 15