Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 230)
- Language
- German
- Belongs to
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220 „O, wie jammervoll, wie traurig,“ ächzt die Alte, „wie verwüstet, wie verwüstet!“ „Und war einmal fruchtbar,“ sagt ein Mann so vor sich hin, ohne die Frau anzusehen, „war einmal fruchtbar. Als die Juden noch da wohnten, flössen meilenweit Ströme von Milch und Honig dahin. Damals mass das Land Israels vierhundert Meilen in der Breite und Länge. Aber als die Juden vertrieben wurden, schrumpfte es zusammen.“ „Wie eine Mutter,“ seufzte die Alte. „Sind die Kinder da, so lacht ihr das Haus in allen Winkeln. Sind aber die Kinder fort, ist es so traurig und leer für sie.“ Nun geht der Schaffner vorbei und macht aufmerksam, dass dort, weit, weit, wo man die Bäume sieht, die Kolonie Rischon le Zion liegt. Der erste Name hier, der mein Herz in freudigem Schreck erzittern lässt. Wir blicken durchs Fenster hinaus: weit, ganz weit, dort, mitten in der Steppe, einige Bäume, die zum Himmel ragen... Ich hatte das Gefühl, als ob es die einzigen und ersten Bäume in dieser Wüste wären. Von den Unserigen gepflanzt, die aus weiter Fremde kamen, sie zu pflanzen! Und ein heisser Drang überkam mich, ins jüdische Volk zu gehen, zu jedem Juden, wohin er auch verschlagen sein mag, auf der Strasse ihn anzuhalten, von Handel und Wandel, vom Lärm und Getümmel auf einen Augenblick ihn abzuziehen und ihm zu sagen: du, deine Heimat ist verwüstet worden. Geh heim und arbeite in deiner Heimat, bei dir zu Hause, dann magst du wieder zu deinen Geschäften zurückkehren...! Der Zug fuhr in eine Station ein. Die erste jüdische Station: Ramleh. Wir trafen dort gerade Schulkinder aus der jüdischen Kolonie Rechowoth samt ihren Lehrern. Der erste Gruss im Lande Israels!