Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 229)
- Language
- German
- Belongs to
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219 „Seht doch, seht!“ sagt die alte Frau, die neben mir im Boote sitzt. „Das sind noch die Steine, die König Salomo hier ins Meer hineinrollen liess. Er hat ja seiner Frau, der Tochter des Pharao, alle Wünsche erfüllt, und da hat er ihr hier einen Palast aus Glas gebaut.. Woher die Alte das wusste, weiss ich nicht. Sie war ja noch niemals im Lande Israels gewesen. Und doch wollte sie es schon aus alten, ganz alten Zeiten wissen. Und ich glaubte ihr. * * * Mein Freund wollte, ich solle tagsüber in Jaffa bleiben. Doch liess ich mich nicht überreden. Ich musste unbedingt noch am selben Tage Jerusalem sehen. Schon mit dem nächsten Zuge — wie seltsam das klingt! — fuhr ich nach Jerusalem. Wüst und öde auf beiden Seiten des Weges. Kein Haus, kein Baum. Kalkweiss zieht sich das Land dahin, so wie es Gott erschaffen hat, als hätte noch niemals eines Menschen Hand daran gerührt, als wartete es bloss auf den, der aus der Ferne zu ihm kommen wird. Es scheint zuweilen, als wären die Felder eingeschlafen, als wären sie durch einen Zauberspruch in starren Stein verwandelt worden und harrten nun des Messias, der sie aus ihrem geheimnisvollen Schlafe erwecken soll... Nur da und dort eine Palme, die, einsam und verlassen, mit ihren dunklen Zweigen zum Himmel ragt, ein Spross uradeliger Familie, ein Denkmal vergangener Zeiten, denen sie erzählt: wie da einst die fetten Felder sich breiteten, die dunklen Wälder rauschten, in deren Schatten das Brautpaar sich Liebe schwur; wie da die Quelle rieselte, woraus der Wanderer sich labte... Und da und dort ein Hügel, mässig hoch, einsam. Vielleicht brannten einst Fackeln auf seiner Höhe, um weithin den Neumond zu künden. Vielleicht spielten da meine Urahnen, als sie noch Kinder waren. Und heute so verlassen und öde!