Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 215)
- Language
- German
- Belongs to
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206 der sonst so bescheiden und folgsam war, sagte mit bittender Miene: »Ich möchte sie nur Lekowed Schabbos tragen«1). Da dachte ich bei mir: würden unsere Kinder dem Sabbath zu Ehren auch solche Opferwilligkeit beweisen, unsere Kinder, die leider gewöhnt werden, am Sonntag und nicht am Samstag ihre schönsten Kleider zu tragen? Welche Festigkeit und welche Willensstärke gehören dazu, dass dieses kleine und schwache Kind während seines sechswöchigen Aufenthaltes in der Schweiz bei fremden Menschen in fremder Umgebung nicht das Geringste von den Lebensgewohnheiten preisgab, die es im Elternhause vor sich gesehen hatte. Welchen Einfluss die echte Frömmigkeit auf den Charakter eines Menschen ausübt, konnte man an Jakoble deutlich erkennen. Woher käme wohl bei diesem Kinde, das in ärmlichen Verhältnissen und unter Sorgen aller Art herangewachsen ist, die unbedingte Wahrheitsliebe, Bescheidenheit und Folgsamkeit, wenn sie nicht der Ausfluss seiner wahrhaft jüdischen Erziehung wären, die das ganze Leben in innigste Beziehung zu Gott bringt? Er sprach in den sechs Wochen, die er in unserem Hause weilte, kein unwahres Wort, war aber dankbar für jede Kleinigkeit, die ihm geboten wurde, war zuvorkommend gegen das Dienstmädchen, bescheiden und von stets sich gleich bleibender Freundlichkeit gegen jedermann. Sein ganzes Auftreten war das eines vornehm erzogenen Kindes, und wenn man von seinem dürftigen Röckchen absah, konnte man glauben, den Sprössling eines alt-adligen Geschlechtes vor sich zu sehen. Er war somit ein echt jüdisches Kind, denn wir Juden sind vom ältesten Adel der Welt, und unsern Adelsbrief hat Gott uns in unserer Thora ausgestellt. Welche Hochachtung muss man für die Eltern hegen, die es verstanden haben, ihr Kind in der Gross-Stadt Wien!) Dem Sabbath zu Ehren.