Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 214)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Erfrischungen reichten, nicht genug wundern, denn bei ihnen in Wien pflegte nur jeder an sich und seine eigene Not zu denken. Und dann kam er zu uns: ein schwächliches, unterernährtes Kind, dessen Blick so vornehm und so echt jüdisch ist, und in seinem Leidenszug das ganze Golus der letzten fünf Jahre wiederspiegelt. Besonders auffallend erscheint mir an Jakoble die naive Gottgläubigkeit, von der sein kindliches Gemüt durchdrungen ist. Als ich ihn, — um ein Beispiel zu erwähnen — eines morgens fragte: »Warum siehst Du so blass aus; hast Du schlecht geträumt?« da erwiderte er überzeugt: »Ich habe doch Hamapil gesagt, da kann ich doch nicht schlecht träumen«1). Diese innige Gottgläubigkeit, die auch im kleinsten Geschehen nicht weniger wie in den grossen Ereignissen des Lebens die göttliche Waltung herausfühlt, geht Hand in Hand mit der gewissenhaftesten und peinlichsten Befolgung aller Vorschriften und der getreuen Ausführung der göttlichen Gebote. Jakoble fand es so natürlich und ganz selbstverständlich, dass er an der Mahlzeit, die den Kindern auf der Reise gegeben wurde, und die leider nicht rituell zubereitet war, nicht teilnahm. Wie beschämend für viele Erwachsene war die Opferwilligkeit des Kindes, das unterernährt und ausgehungert ankam, und dennoch die lockenden Speisen verschmähte, weil es gewöhnt ist, Gott und seinen Gesetzen zu dienen. Einmal meinte ich, er solle die neuen Schuhe, die er am Sabbath zum ersten Male trug, auch Sonntags anziehen, weil ich beobachtete, wie sehr er sich mit ihnen freute und wie stolz er darauf war, etwas Neues zu besitzen. Doch da war ich an den Unrechten gekommen. Der kleine Junge, i) Hamapil ist der Segensspruch des Nachtgebetes, worin die Bitte um Schutz vor bösen Träumen ausgedrückt ist.