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Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1919-01-01 · 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919) · p. Seite 204

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Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
Issue
4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 204 (sequence 213)
Language
German
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IRI
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204 hätten erwarten dürfen, sich nach besten Kräften zu erholen, und die Sehenswürdigkeiten der Stadt und des Landes zu besichtigen, den Aufenthalt in der schönen Schweiz recht zu geniessen, Ermahnungen, wie sie wohl jeder andere Vater an sein Kind gerichtet hätte, kehrte in den zärtlichen Briefen des Vaters unseres Wiener Kindes immer die Mahnung wieder, zu »lernen« und seine jüdischen Kenntnisse zu vermehren. Es ist begreiflich, dass ein Kind, welches bei solcher Gesinnung gross wird, von ganz anderen Bestrebungen, Idealen und Zielen erfüllt ist, als unsere Kinder. Ganz anders als in andern Köpfen malte sich in diesem Köpfchen die Welt. Bald war Jakoble — so hiess unser Wiener Kind — der Liebling des ganzen Hauses und all der Freunde, die bei uns verkehrten. Seine Lebensgeschichte ist rasch erzählt: Er ist das jüngste von sechs Geschwistern, zwei starben während des Krieges in Wien. Die Familie lebte bis zum Ausbruch des Krieges in einer Stadt Galiziens, wo der Vater ein grosses, gutgehendes Geschäft besass. Da kam der Krieg und die Familie flüchtete vor den Kosaken am Tischobeaw bei Kriegsausbruch zunächst in die Nähe der Stadt und hoffte nach 2 bis 3 Wochen wieder zurückkehren zu können. Aus diesen wenigen Wochen sind fünf Jahre geworden, und jetzt steht nichts mehr von ihrem Haus in jener Stadt. Sie kamen auf der Flucht nach unsäglichen Entbehrungen im Winter 1914 nach Wien, wo der Vater seine Familie bekowed, wenn auch kümmerlich, zu ernähren sucht. Dann kam für unser Jakoble, nächst jener nächtlichen Flucht aus der Heimatstadt bei Kriegsausbruch das grösste Ereignis seines bisherigen Lebens: Als in den Schulen Wiens die schwächlichsten Kinder für den Erholungsaufenthalt in der Schweiz ausgewählt wurden, wurde auch er, der mit seinen neun Jahren nur 19 kg wiegt, sofort dafür bestimmt. So trat er denn die ersehnte Reise in die Schweiz an, konnte sich unterwegs über die Güte fremder Menschen, die ihnen

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