Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 175)
- Language
- German
- Belongs to
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172 walt ihres Ausdrucks, die Tiefe der Gedanken, die Wahrheit des geistig Gestalteten, das alles bewirkt, dass sie die an Zahl weit häufigeren, an innerem Gehalt und an Schönheit des Ausdrucks aber weniger hochwertigen Geisteswerke im Gedächtnis der Menschen überdauern. Auch das Leben und die Werke der grossen Dichter und Denker kann hier zum Vergleich herangezogen werden. Es ist bekannt, dass viele grossen Künstler, Dichter und Denker ihre unsterblichen Werke nicht nur trotz ihrer misslichen Lebenslage schufen, sondern sehr oft gerade wegen dieser widrigen und schmerzlichen Lebensumstände. In diesen Fällen steigerte die äussere Lebensnot die schöpferischen Kräfte des Genies, und nicht selten wurden diese geradezu von ihr geweckt. Gewiss nehmen die belebenden Geisteskräfte des Volkes in der Zeit, da es unter einem {bedrückenden Fremdjoch nach Freiheit schmachtet, von Tag zu Tag ab, und verlieren im Strome der Zeit an Eigenart und ursprünglicher Kraft. Die Seele des Volkes aber, in der der Wille zum Leben und zur Erfüllung einer bestimmten Mission in diesem Leben unzerstörbar lebt, sie kann nicht untergehen. Die Volksmassen führen wohl ein schmachvolles Sklavenleben, aber ihre Hoffnungen und Träume nach einem eigenen, von fremden Einflüssen freien Volksleben, dienen ihnen als Leuchtfackel in ihrem schweren Daseinskampf. Dies nun findet seinen wahrsten und ergreifendsten Ausdruck in der Dichtung des Volkes. Sie tritt in den düsteren Tagen als Tröster des unter seinem schweren Schicksal seufzenden Volkes auf. Aus des Volkes Glanzperioden schöpft die Dichtung Mut, Kraft und Trost auf eine bessere Zukunft. Das vergangene freie und blühende Volksleben, die Tragik der Gegenwart und schliesslich das begeisternde Bild einer glücklichen Zukunft, das alles gewinnt in den Formen der Volksdichtung grossartigen Ausdruck.