Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 174)
- Language
- German
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Dichtung und Freiheit. „Wie die Freiheit, so das Dichten“, lautet ein allgemeiner Ausspruch. Die Poesie und die dichterischen Schöpfungen, so wird behauptet, seien unmittelbare Produkte der nationalen, politischen und kulturellen Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes. Je breiter und ausgedehnter seine soziale und politische Selbständigkeit, je vollständiger seine Entwicklungsmöglichkeit auf allen kulturell-geistigen Lebensgebieten, desto produktiver der Volksgeist,- desto tiefer und breiter seine Dichtung, desto erhabener und höher sein geistiges Schaffen. Das unter der Knute des Despotismus lebende Volk werde nicht nur seiner politischen und wirtschaftlichen Rechte beraubtjauch das Ureigene des Volkes, seine geistige Schöpferkraft, werde in bedrängnisvollen Tagen der Unterjochung und der Sklaverei abgestumpft; der Gewaltiges schaffende und ewig junge Volksgenius schrumpfe im Laufe der Zeiten zusammen und gehe schliesslich nach langer mühevoller Agonie als Opfer der Verhältnisse unter. Ein ganz anderes Ergebnis aber ergibt die tiefere Betrachtung dieser Kulturerscheinung. Die Ansicht über den Verfall oder das gänzliche Versagen der dichterischen Kräfte eines Volkes in Zeiten äusserer Not mag ja in gewissen Fällen durch die Tatsachen erwiesen werden. Oft mag man aber auch vergessen, dass sich die geistigen Werke der Völker nicht nur der Quantität nach, sondern auch hinsichtlich der Qualität wesentlich von einander unterscheiden. So ist es denn eine bekannte Tatsache, dass die andauernde und schwer zu tragende äussere Lebensnot eines Volkes dessen schöpferische geistige Kraft nur zu ganz wenigen Werken kommen lässt. Dafür aber sind dann diese Werke in ihrer Einsamkeit monumental. Die Ge-