Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 176)
- Language
- German
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173 Mit innerem Schmerz und Freudesschauern werden Leid und Hoffnung auf entzückenden Harfenklängen der Poesie aller Welt verkündet. So wie der lyrische Dichter sein eigenes inneres Leben in schönen Rhythmen, in melodischer Sprache zur Darstellung bringt, eine Offenbarung seiner Leiden und Freuden, so findet sich in der Volksdichtung das innere Leben einer Nation gestaltet. Beides sind dichterische Expressionen, Offenbarungen der bewegten Innerlichkeit von Individuum und Volk. Und die Tatsachen beweisen es, dass auch die gefahrvollsten und schicksalsschwersten Zeiten eines Volkes Menschen von jener dichterischen Intuition und Gestaltungskraft erstehen lassen, die es braucht, um dem schweren Erleben eines ganzen Volkes klassischen Ausdruck zu geben. Solche Menschen sind Seher, Führer und Tröster ihres Volkes. In ihren Dichtungen hören wir den riesigen Schmerzensschrei von Tausenden, die zitternde Hoffnung auf Erlösung aus dem Elend, die Zuversicht und das Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit, aber auch wilde Anklagen gegen den Peiniger und Unterdrücker. Der hebräische Dichter R. JehudaHalevyim Mittelalter und B i a 1 i k, der bedeutendste unter den zeitgenössischen hebräischen Dichtern, sie stellen in ihren seelenerschütternden lyrischsentimentalen Poesien die lange blut- und tränenreiche Leidensgeschichte des schon zwei Jahrtausende wandernden und in der Zerstreuung lebenden jüdischen Volkes dar. Die Volksdichtung ist demnach immer produktiv. Nicht nur in Freiheit und Unabhängigkeit zeigt sich die Poesie in ihrer wahren Gestalt; auch in bedrängnisvollen Tagen der Verfolgungen und Unterdrückungen erhebt sich der gequälte Geist des Volkes ins Gebiet der Dichtung und verkündet in erhabener Sprache seine Leiden und seine Hoffnungen. Zürich. Mordechai Vogelmann.