Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 171)
- Language
- German
- Belongs to
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168 man überlegt, dass in jenen Zeiten noch ein derartiger Mangel an Verständnis für Kultur bestand, dass ohne staatlichen Zwang viele Eltern ihre Kinder ohne jegliche Erziehung hätten aufwachsen lassen. In Staaten, wo kein Schulzwang existierte, gab es denn auch tatsächlich massenhaft Analphabeten. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, würde daher ein neues jüdisches Gemeinwesen auf den Schulzwang verzichten können, falls bei den Eltern genügendes Pflichtgefühl besteht, auch ohne staatliche Intervention für die geistige Erziehung ihrer Kinder Sorge zu tragen. Uns scheint es kaum zweifelhaft, dass bei jüdischen Eltern dieses Pflichtgefühl vorausgesetzt werden darf, und würde daher der jüdische Staat keines Schulzwangs benötigen. Seine Stellung inbezug auf die Schule würde dadurch eine völlig andere als in Ländern mit staatlichem Schulzwang. Er könnte den Versuch machen, den Unterricht dem freien Belieben des Einzelnen zu überlassen und nur ein gewisses Recht der Beaufsichtigung sich Vorbehalten. Unterrichtsvereine aller Schattierungen würden erstehen, und es bliebe den Eltern überlassen, ausfindig zu machen, welche Schulen die besten Resultate zeitigen. Das gesunde Volksempfinden dürfte hier rasch das richtige herausfinden. Die Unterrichtsvereine würden ihr Bestreben darauf richten, ihr eigenes Schulwesen immer mehr fortzubilden und zu verbessern, und das Talmudwort „die Eifersucht (das geistige Ringen) der Gelehrten vermehren die Weisheit“ könnte sich hier bewahrheiten. Eventuellen Übelständen könnten im schlimmsten Falle durch ein gesetzliches Minimalschulprogramm abgeholfen werden. Über ein derartiges Minimalprogramm dürfte man sich leichter einigen als über ein Programm für staatliche oder aus Staatsgeldern unterhaltene Schulen. Fraglich bliebe natürlich, ob die private Initiative auch genügend Geldmittel zusammenbringen kann, aber eine