Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 162)
- Language
- German
- Belongs to
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159 wähnen, dem die Tradition den Namen Franz von Bocholt beigelegt hat. Sein Hauptwerk ist »Das Urteil Salomons«, welches ganz unter dem Einfluss Martin Schongauers entstanden ist. Eher in Anlehnung an die italienischen Renaissanceformen wirkte in den Niederlanden Jan Gossaert, der unter dem Namen Mabuse in der Kunstgeschichte bekannt ist. Geboren 1470, ragt sein Schaffen noch weit in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts hinein. Ich will hier das Blatt »Kain und Abel« erwähnen, das für eine sehr individuelle Auffassung des Künstlers spricht. Die Darstellung der Mordtat atmet in allen Einzelheiten den Geist der Brutalität. Der vertierte, wilde Ausdruck im Gesicht Kains, die angespannte Muskulatur seiner gestrafften Arme, des sehnigen Leibes und der wie im Boden verwurzelten Beine bringen über den ganzen Körper eine Welle unruhiger Beweglichkeit; das über dem Opfer gebeugte Knie und die im Munde Abels verkrampften Finger des Mörders machen den Anblick noch schreckhafter — jede Bewegung ist Mord und Rache. Abel hingegen verkörpert in seiner ganzen Haltung den stummen Widerstand des Unterlegenen, der sich mit der Kraft der Verzweiflung wehrt und der doch weiss, dass er den Kampf verloren hat. Die umgebende Natur aber nimmt hier an dem Vorgang inneren Anteil: in wildem Zick-Zack recken sich die Äste der Bäume gegen den Himmel, an dem schwere Wolken heranstürmen. Geier und Raben kommen aus der Ferne in Erwartung ihrer Beute gierig herangesegelt und die Blätter der umstehenden Bäume scheinen sich wie in schmerzlicher Erregung zu schütteln — es ist die erste Blutschuld, deren stumme Zeugen die junge Erde wird... Unter den italienischen Kupferstichen des 15. Jahrhunderts bieten sich für unsere Betrachtung nur ganz vereinzelte Anhaltspunkte. Dort gewann die Malerei einen ungewöhnlich starken Einfluss auf das gesamte Schaffen in den Werkstätten der Stecher. Werke grosser Künstler wie der Pollaiolo, Boticelli und Mantegna wurden daher der Ausgangspunkt für die Studien der Kupferstecher und sehr oft wurden ihre Werke durch Übertragung in die Technik des Stiches von einer