Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 157)
- Language
- German
- Belongs to
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154 das Reh, der Geier und die Maus eingestellt haben in friedlichem Nebeneinander. Dem schlafenden Adam wird, ganz wie es die Bibel erzählt, eine Lebensgefährtin beigegeben und ein Engel heiligt den neuen Bund. Bald tritt die Versuchung an Eva heran, der sie unterliegt und auf einer der ersten Tafeln treten uns Adam und Eva im Augenblick entgegen, da sie von der verbotenen Frucht geniessen. Der Verfasser des »speculum« hat den herrlichen Baum in die Mitte zwischen das Menschenpaar eingefügt, das in der nackten Ebenmässigkeit seiner Körperformen wie zwei Wunderpflanzen aus dem Erdreich emporwächst. Aber eine Vignette unter dieser Darstellung zeigt die verhängnisvollen Folgen des Fehltrittes: ein Engel vertreibt die Sünder mit erhobenem Schwert aus dem Paradies. Würde es nicht ausserhalb des Rahmens der vorliegenden Besprechung fallen, so müsste ich hier schon vergleichend mich mit diesem Motiv, wie es Lucas van Leyden behandelt, auseinandersetzen. Auch die Auffassung, wie sie in Hans Baidung Grien »Adam und Eva«, zutage tritt, kann ich aus gleichem Grunde nur kurz erwähnen. Hans Baidung lässt Adam und Eva dicht beisammen, fast aneindergedrängt unter dem Baum verweilen. Es ist, wie wenn im Vorgefühl der gemeinsamen Schuld sich die beiden Menschen noch inniger gegenseitig verbunden fühlten. Dürer fasste die Szene viel kühler auf, indem er auch die Landschaft zur Geltung kommen liess und die Erde mit allerlei Getier belebte, das friedlich äsend einen trefflichen Gegensatz zu den von der Versuchung gequälten Menschen bildet. Für das trostlose Dasein, das die aus dem Paradies Vertriebenen führen, hat der Schöpfer des »Heilsspiegels« eine wahrhaft ergreifende Schilderung gefunden. Unter einem kahlen Baum, der seine Äste trauernd zur Erde senkt, sitzt Eva. Auf ihrem Schoos hält sie einen kleinen, halbnackten Knaben und vor ihr auf kaltem Gestein steht mit müdem Ausdruck sein Zwillingsbruder. Adam aber bearbeitet mit unendlicher Mühe, in jeder Bewegung