Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 138)
- Language
- German
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135 sondern er wurde dort hineingetragen. Nicht eine territoriale Staatsverfassung schmiedete die jüdische Volkseinheit, sondern eine göttliche Ethik, welche zugleich den alleinigen Lebenssinn und Daseinszweck jedes Einzelnen bildete. Nachdem die Juden sich zur Verwirklichung dieser Ethik bereit erklärten, verkündete ihnen Moses: »Merke auf und höre, Israel, diesen Tag bist du worden zum Volke, dem Ewigen, deinem Gotte1). Einmal zur Einheit geworden, müssten sie auch ein gemeinsames Territorium haben, wo sie die ihnen verkündete Offenbarungsethik am besten verwirklichen könnten. Die Tatsache aber, dass die Juden diesen höhern Lebenszweck nur auf einem in staatlichen Verhältnissen geordneten Territorium realisieren zu können glaubten, ist der unumstössliche Beweis gegen die in der nichtjüdischen Geschichts- und Religionsphilosophie mit Unrecht sich eingebürgerte Auffassung, dass das Judentum gleich dem Christentum lebensverneinend sei. Das theoretische Christentum nimmt keine bejahende Stellung zum Leben ein. Der mit Elementargewalt sich kundgegebene Wille zum Himmel in den Lehren Christi, entrückte den Urchristen den irdischen Sphären, hob ihn in die Lüfte, von wo aus er auf die Welt als auf das sündige Jammertal, als auf den schmutzigen Sündenpfuhl hinabschaute. Indem das theoretische Christentum den ganzen Schwerpunkt des Lebens ins Jenseits verlegte, negierte es nicht bloss das Leben, sondern auch den Staat. Das verneinende Verhältnis von Christus zum Staate geht aber auch aus den folgenden Stellen im Neuen Testament klar hervor: »Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die Schnur wider ihre Schwieger. Wer Vater und Mutter mehr liebet denn mich, der ist nicht mein wert«2). Oder: »So jemand zu mir kommt, und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, 1) V. B. M. 27, 9. 2) Matthäus 10, 35, 37.