Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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59 sagte er mir und liess sie mich zum Zeichen, dass ich sie verstanden hatte, nach seiner Gewohnheit wiederholen. Eine dieser Erklärungen ist mir bis zum heutigen Tage im Gedächtnis geblieben. Ich weiss nicht, ob der Rabbi nicht damals die Liebe und die Freude am Lernen in mein Herz gepflanzt hat. Was der Rabbi für seine Schüler zu tun fähig war, dafür ein Beispiel aus meinem Leben. Als ich das Rabbinat in Basel antrat, war ich erst 23 Jahre alt und noch nicht militärfrei. Eine Eingabe meiner Eltern, mich als einzigen Sohn vom Dienst zu befreien, war abgelehnt worden, obgleich die angeführten Gründe den Bestimmungen der Wehrordnung vollauf genügten. Von Basel aus machte ich an die Oberersatzbehörde eine zweite Eingabe. Jedoch war sie, so sagte man mir, zwecklos, wenn niemand durch persönliche Fürsprache für die Wahrheit der in meinem Gesuche niedergelegten Gründe eintrat. Ich hatte in Berlin viele einflussreiche Freunde und Verwandte. Ich schrieb ihnen, doch antworteten sie, es sei ein ängstlich gehütetes Amtsgeheimnis, welcher Zivilbeamter an der Musterung teilnehmen würde, und sie könnten nichts für mich tun. Zuletzt wandte ich mich an den Rabbi. Er brachte den Namen der Persönlichkeit, die der Musterung beizuwohnen hatte, in Erfahrung. Es war ein Geheimrat v. W. in Potsdam. Er suchte ihn auf und bat ihn, sich für mich zu interessieren. Der Geheimrat versprach es, und als der Rabbi sich bei ihm bedankte, sagte v. W.: ״Im Gegenteil, ich muss Ihnen danken, dass Sie mir Gelegenheit geben, ein gutes Werk zu tun.“ All das erfuhr ich erst später. Mit dem Nachtschnellzug kam ich in Berlin an und trat mit vielen andern klopfenden Herzens vor die Behörde. Diejenigen, die vor mir aufgerufen wurden, wurden alle ohne Ausnahme ins Militär eingereiht. Als mein Namen genannt wurde, stand ein Herr, der an dem Tische der Beamten sass, auf und sagte zu dem General, der die