Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Verhandlung leitete: ״Exzellenz, es ist mir von Vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt worden, dass dieser Fall besondere Berücksichtigung verdient.“ Diese Worte genügten, mich vom Militärdienst zu befreien und meinem Amte wieder zurückzugeben. Für seine Schüler war dem Rabbi keine Arbeit zu gross, keine Mühe zu viel. Um meine Trauung selbst vorzunehmen, verbrachte er, der damals schon fast 70 Jahre zählte, zwei Nächte im Eisenbahnwagen. Als er nach einem geistsprühenden Toast auf Rabbi Meier Bergei, den grossen und überaus bescheidenen Talmudgelehrten von Rawitsch, von der Hochzeitsgesellschaft Abschied nahm, sagte mein Freund und Lehrer Rabbiner Dr. Cahn-Fulda, ebenfalls ein Schüler des Rabbi, es missfalle ihm an unserem Rabbi ein Zug, jedoch würde es die schuldige Ehrfurcht gegen den Lehrer verletzen, wenn er, als Schüler, diesen Zug nennen würde. Es entspann sich nun ein witziger Streit zwischen Lehrer und Schüler, bis der Rabbi ihm schliesslich befahl, sich deutlicher auszudrücken, und es nun herauskam, dass ihm der Zug missfalle, mit dem der Rabbi uns verlassen wolle! Ebenso gut und opferbereit, wie der Rabbi gegen mich war, hat er sich, wie mir bekannt geworden ist, auch gegen viele andere seiner Schüler erwiesen, und es ist daher begreiflich, dass die Schüler des Rabbi mit unglaublicher Liebe und Verehrung an ihm hingen. Von dem Dichter Uhland wird erzählt, dass er einmal einem Trupp von Jünglingen begegnete, die gerade das von ihm verfasste Lied ״Ich hatf einen Kameraden“, sangen. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und als sie an die Stelle kamen: ״als wär's ein Stück von mir“, stimmte der Dichter kräftig und stolz mit ein. Ähnlich konnte man von den Schülern des Rabbi sagen: wir alle sind ein Stück von ihm. Nie war der Einfluss einer Persönlichkeit auf andere stärker als derjenige, den er auf seine Schüler ausübte. Seine Auf-