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Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz · 1919-01-01 · 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
Volume
4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
Issue
4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 58 (sequence 59)
Language
German
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58 Eine besondere Würdigung verdient das eigenartige Verhältnis des Rabbi zu seinen Schülern. Der Rabbi hat mir selbst einmal gesagt, er habe über 1200 Schüler ausgebildet. Was konnte da ein einzelner Schüler für ihn bedeuten? Und doch sah er in keinem eine ״vorübergehende Erscheinung“. Jeder war ihm lieb und wert, und seine Schüler waren ihm teuer wie seine eigenen Kinder. Er nahm an ihrem Wohl und Wehe teil und hörte nicht auf, sich um ihr Ergehen mit Liebe und Treue‘zu kümmern. Mich hatte er — aber das glaubte wohl ein jeder von sich — besonders in sein Herz geschlossen. Ich war als Knabe zart und schwächlich. Es war in den Sommerferien des Jahres 1875, und ich nahm seit kurzem am Unterricht des Rabbi teil, da klingelte es an unserer Wohnung, und der Rabbi trat herein. Er müsse, so sagte er, wegen einer Mizwoh einen Gang nach Neuschönhausen machen (ca. 2 Meilen von Berlin), und da er gehört habe, dass der Aufenthalt in der frischen Luft mir gut tun würde, so lade er mich ein, ihn zu begleiten. Damals hat der Rabbi mein ganzes Herz gewonnen. Man denke! Ein Mann, der mit den grössten Männern seiner Zeit in allen Ländern verkehrte, der für die Hungrigen in Persien und Russland sorgte, der so viel Grosses und Schweres zu leisten hatte und leistete, dachte daran, dass ein heranwachsender Knabe frische Luft brauche und benutzte die Gelegenheit, sie ihm zu verschaffen. In Neuschönhausen, wohin ich den Rabbi begleiten durfte, wohnte ein reicher jüdischer Papierfabrikant aus Halberstadt, bei dem der Rabbi einige 100 Taler erbitten wollte, die er für arme kurbedürftige Männer und Frauen brauchte. Auf unserm Wege staunte ich über die Ehrfurcht, welche die Erscheinung des Rabbi, seine hohe Denkerstirn, sein weisses Haar, seine strahlenden blauen Augen bei allen, die er ansprach, erweckte. Mit mir sprach der Rabbi während des ganzen Weges Thora, unzählige Wörtchen, ernste und heitere,

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