Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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57 dass er für Sekunden einschlief. Er ermunterte sich jedoch sofort wieder und hatte sich so in der Gewalt, dass er mit den gleichen Worten fortfahren konnte, bei denen ihn der Schlaf übermannt hatte. Man sagte von dem Rabbi, dass er, wenn er sich niederlegte, schon einschlief, wenn er den zweiten Fuss noch nicht ins Bett gezogen hatte. ״Süss war der Schlaf des Arbeiters“, er schlief wahrlich den Schlaf des ״Gerechten“. Freilich hätte der Rabbi diese umfassende Tätigkeit nicht vollbringen können, wenn Gott ihm nicht die edle und seiner würdige Gefährtin fürs Leben gegeben hätte. Wie sie die Heimat verliess, um in das kulturarme Ungarn überzusiedeln, und wie sie, die Tochter aus reichem Hause, sich dort abmühte, die Schüler ihres Mannes mit Wäsche und Kleidern zu versorgen, so war sie immer und überall die treue Gehilfin ihres Mannes, die Stütze an seiner Seite, mit der er sich über alles beriet und die in schweren Stunden ihn angespornt und ermutigt hat. Nie sah ich mehr als hier die Wahrheit des Wortes der Weisen bestätigt: ״Das Haus, das ist die Frau.“ Sie gab dem Hause das Gepräge. Dass dieses Haus so schön und traulich war, dass besonders die Festtage im Hause denen, die sie mit der Familie feiern durften — ich selbst war am Suckos, da wir keine eigene Sucko hatten, zehn Jahre lang Gast des Hauses — stets unvergesslich bleiben werden, das war ihr Werk. Würde und Hoheit umgaben sie, und echte Vornehmheit war ihr eigen. ״Ihren Mund öffnete sie mit Verstand, und Worte der Güte waren auf ihrer Zunge.“ Auch, dass Wohltätigkeit im Hause in ausserordentlichem Masse geübt wurde, dass wer hungrig ins Haus kam, es satt wieder verliess, — der Rabbi nannte manches mal scherzhaft sein Haus das Hotel zum Wilden Mann — wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht der Rabbi eine so edle, herrliche Gattin gehabt hätte, die von gleichem Streben wie er beseelt war. *